Er redete wenig und so, daß man mehr erriet als begriff. Durch diese Art von Marktschreierei hatte der gewandte Mann das Vertrauen meines Oheims zu gewinnen verstanden, der mehr als einen Vorteil für den Staat aus einem Teil seiner Geheimmittel zu ziehen hoffte, indem er in Tournai eine Färberei, eine Papierfabrik und eine Werkstätte zur Herstellung des kostbaren Metalls einrichtete. Bestochen hatten meinen Oheim sehr schöne Proben aller dieser Dinge, die der Abenteurer ihm vorlegte, mit der Behauptung, er wolle ihm alle seine Geheimnisse nur aus reiner Freundschaft abtreten; denn er besäße alles, was er wünschte, und hätte nichts nötig. Um meinen Oheim davon zu überzeugen, sagte Graf Surmont eines Tages, als von Malerei die Rede war und mein Oheim äußerte, nur sehr wenige Privatleute könnten sich rühmen, einen echten Raffael zu besitzen, das träfe zwar zu, aber in seiner Sammlung fehlte es nicht daran, und zum Beweis dafür kam vierzehn Tage bis drei Wochen später ein Gemälde an, das Herr von Surmont meinem Oheim als aus seiner Sammlung stammend schenkte, und ein paar Künstler der Stadt, Kenner oder nicht, denen mein Oheim dies Bild zeigte, erklärten es für ein Original Raffaels. Surmont wollte es jedoch nicht zurücknehmen und bat ihn, es als Zeichen seiner Freundschaft zu behalten.

Ein andermal zeigte er meinem Oheim einen großen Solitär mit einem Flecken und sagte, er werde ihn in wenigen Tagen tadellos machen. Tatsächlich brachte er ihm nach ein paar Tagen einen Solitär vom gleichen Schnitt, der tadellos und ohne Flecken war, mit der Versicherung, es sei der gleiche Stein. Als mein Oheim ihn genau geprüft und bewundert hatte, wollte er ihm den Stein zurückgeben, aber jener nahm ihn nicht an und beteuerte, er hätte Diamanten genug, mit denen er nichts anzufangen wisse, und mein Oheim möchte diesen als Erinnerung an ihn behalten. Mein Oheim, der keine Geschenke annehmen wollte, wehrte sich lange dagegen und gab erst nach, als Surmont ihm drohte, Brüssel sofort mit all seinen Geheimmitteln zu verlassen, wenn mein Oheim durch das Ausschlagen dieser Kleinigkeit bewiese, daß er seinen Worten nicht traute.

Es wurde also beschlossen, alle obengenannten Unternehmungen in Tournai zu begründen, und zwar auf Verlangen des Urhebers sogleich in großem Stil. Zunächst mußten Häuser gekauft und teils neu gebaut, sowie alle möglichen Materialien nach einer Liste Surmonts beschafft werden, der die Ausführung mit Hilfe einer Summe unternahm, die man ihm zu diesem Zweck vorschießen mußte. Frau von Nettine übernahm ein paar Aktien, mein Oheim desgleichen; der Rest wurde auf Staatskosten übernommen. Surmont war hierauf nach Tournai gereist, um Hand ans Werk zu legen; ein paar Monate später wurde ich hingesandt, um zu sehen, wie die Dinge standen. Ich blieb vierzehn Tage dort und ließ meinen Mann tags und nachts nicht aus den Augen. Aus meinem nach meiner Rückkehr erstatteten Bericht ergab sich, daß gar nichts geschehen war, und daß alle diesem Manne vorgeschossenen Summen verschwunden waren. Kurz darauf verschwand er selbst, und man mußte sogar noch zahlreiche Schulden bezahlen, die er unter Mißbrauch der ihm leider erteilten Vollmachten gemacht hatte. Später erfuhr man, daß dieser Mann unter verschiedenen Namen schon ähnliche Streiche in anderen Ländern gespielt hatte. Ich weiß nicht, wohin er sich nach Verlassen der Niederlande begab. Mehrere Jahre später hörte ich, er sei in Hamburg, wo er auch starb[397], ohne daß jemand erfahren hätte, woher er stammte noch wovon er lebte.

III
Aus Casanovas „Memoiren“[398]

Am nächsten Tage kam ich (aus Dünkirchen) in Tournai an. Als ich ein paar Stallknechte auf schönen Pferden reiten sah, fragte ich sie aus Neugier, wem sie gehörten.

„Dem Grafen Saint-Germain, dem Adepten, der seit einem Monat hier ist und niemals ausgeht.“

Diese Antwort bewog mich, ihn zu besuchen. Kaum im Gasthof angelangt, schrieb ich an ihn und fragte ihn, wann ich ihn aufsuchen dürfte. Nachstehend seine Antwort, die ich mir aufgehoben habe:

„Infolge meiner Beschäftigung kann ich niemand empfangen. Doch Sie machen eine Ausnahme. Kommen Sie, wann es Ihnen paßt; man wird Sie in mein Zimmer führen. Sie brauchen weder meinen noch Ihren Namen zu nennen. Ich biete Ihnen nicht die Hälfte meines Mittagessens an, denn meine Nahrung eignet sich für niemand, am wenigsten für Sie, wenn Sie noch Ihren alten Appetit haben.“

Ich ging um neun Uhr hin und fand ihn mit einem zwei Zoll langen Stoppelbart. Er hatte eine Anzahl Retorten voller Flüssigkeiten im Zimmer. Einige machten einen chemischen Prozeß durch; sie lagen auf Sand bei natürlicher Wärme. Wie er mir sagte, arbeitete er zu seiner Kurzweil an der Herstellung von Farben und richtete eine Hutfabrik ein, um dem Grafen Cobenzl, dem Minister Maria Theresias in Brüssel, gefällig zu sein. Der Graf hätte ihm nur 105000 Gulden gegeben, die aber nicht hinreichten, doch er würde das Weitere hinzulegen[399]. Dann sprachen wir von Frau von Urfé.

„Sie hat sich durch eine zu starke Dosis von Universalmedizin vergiftet“[400], sagte er. „Ihr Testament beweist, daß sie sich für schwanger hielt. Sie hätte es sein können, wenn sie mich um Rat gefragt hätte. Das Unternehmen ist sehr schwierig, aber ganz sicher, obgleich die Wissenschaft das Geschlecht des Kindes noch nicht zu bestimmen vermag.“