Herr von Surmont ist nicht ausgewiesen worden. Aber in Erwartung der Entscheidung, ob Ihre Majestät die Manufaktur selbst übernehmen oder an Frau Nettine weitergeben will, hatte diese ihren Sohn in Tournai gelassen, um alle Geheimverfahren des Herrn von Surmont kennen zu lernen. Da man nun von ihm alles erfahren hatte, was er wußte, und seine Anwesenheit nicht mehr nötig war, habe ich ihm nach Eintreffen der Allerhöchsten Befehle geschrieben, Ihre Majestät wolle von seinen Geheimverfahren nichts wissen. Zugleich hat Nettine ihm eröffnet, daß seine Mutter sie als Deckung für ihre Vorschüsse behielte, daß sie ihm aber weitere Vorschüsse nicht machen wolle. Darauf hat er sich sofort zur Abreise entschlossen, wobei er erklärte, das Ganze im Laufe weniger Monate zurückzuzahlen. Andernfalls könne man seine Geheimverfahren benutzen, und falls man irgendeiner Aufklärung bedürfe, sei er bereit, sie zu geben, wo immer er sich auch befinde. Er ist nach Lüttich abgereist und wird sich wohl nach Karlsruhe zum Markgrafen von Baden-Durlach[394] wenden. Frau Nettine hofft noch, wenigstens einen Teil ihrer Vorschüsse zurückzubekommen.

Man muß den Mann gesehen haben, um unsere Leichtgläubigkeit zu entschuldigen. Auch die vor uns auf ihn Hereingefallenen können uns teilweise entschuldigen, aber sicherlich haben wir die Erfahrung gemacht, daß der Mensch durch etwas betrogen werden kann, was er sieht und mit Händen greift.

Kaunitz an Cobenzl

Wien, 3. September 1763.

Der Fall Surmont ist für mich erledigt. Ich wünschte, daß das, was er in Brüssel getan hat und tun ließ, sich so leicht wieder gutmachen ließe, daß ich es vergessen kann.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 2. Oktober 1763.

Ich erhalte von nirgendswoher Nachricht, was aus Herrn von Saint-Germain geworden ist. Die in Tournai begründete Manufaktur beginnt sich zu entwickeln; ich glaube bestimmt, Frau Nettine wird dabei auf ihre Rechnung oder wenigstens auf ihre Kosten kommen.

II
Aus den „Erinnerungen“ des Grafen Philipp Cobenzl[395]

Gegen Mitte Juni schickte mein Oheim mich nach Tournai, um für ein paar Tage das Benehmen eines berüchtigten Abenteurers zu überwachen[396], auf den mein Oheim, Frau von Nettine und viele andere gründlich hereingefallen waren. Dieser Mann war in Brüssel unter dem Namen eines Grafen Surmont aufgetreten, nachdem er sich anderswo Graf Saint-Germain genannt hatte. Er führte sich bei meinem Oheim in sehr geheimnisvoller Weise durch ein paar Empfehlungsbriefe, ich weiß nicht von wem, ein. Tagsüber ging er nie aus, und zur Zwiesprache mit meinem Oheim stellte er sich nur in vorgerückter Nachtstunde ein. Er erbot sich, mittels seiner angeblichen Geheimverfahren dem Hof große Dienste zu leisten. U. a. handelte es sich um ein Metall, das zwar kein Gold war, aber Farbe, Gewicht und Hämmerbarkeit des Goldes und somit alle Vorzüge desselben besaß. Er hatte, wie er sagte, hervorragende Kenntnisse in der Färberei und konnte Leder, Wolle und Seide sehr billig die glänzendsten Farben geben. Er wollte die feinsten Hüte zu billigerem Preise herstellen, als sonst die Anfertigung der gröbsten Hüte kostete. Fleckige Diamanten wußte er von ihren auffälligsten Flecken zu befreien. Er stellte Arzeneien gegen alle Krankheiten her und besaß Mittel zur unberechenbaren Verlängerung des Lebens. Alle Wissenschaften, von denen man sprach, beherrschte er im höchsten Maße. War von Musik die Rede, so sprach er als Meister davon, setzte sich ans Klavier und trug eigene Kompositionen vor. Sprach man von Malerei, so behauptete er, im Besitz einer hervorragenden Gemäldesammlung zu sein, sagte aber nicht, wo sie war. Welches seine Heimat sei, sagte er nicht, aber er sprach sehr gut Französisch, Italienisch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch. Wie alt er war, sagte er nicht; anscheinend zählte er 50 Jahre, aber er sagte, das Menschenleben ließe sich unglaublich verlängern, und er sprach von Ereignissen, die um Jahrhunderte zurücklagen, und deren Augenzeuge er gewesen war.