Mein Hof- und Staatskanzler hat mir über seinen ganzen Schriftwechsel mit dem Grafen Cobenzl betreffs der angeblichen Geheimmittel für Fabriken und Manufakturen berichtet, die ein gewisser Surmont besitzen will, sowie über die Manufaktur, die Graf Cobenzl infolgedessen mit Genehmigung Eurer Hoheit in Tournai bereits eingerichtet hat[390]. Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß wir das Ganze aufs unparteiischste und gewissenhafteste haben prüfen lassen, und daß sich daraus ergeben hat, daß diese Manufaktur weder in der Sache noch ihrer Verwaltung nach meinem königlichen Dienst entspricht und bei einem Staatsbetrieb — falls er überhaupt Erfolg hat — eine große Zahl meiner getreuen Untertanen zugrunde richten würde. Ich trete also dem bei, was mein Hof- und Staatskanzler dem Grafen Cobenzl hierüber schon mitgeteilt hat[391], und lehne den Gedanken völlig ab, das fragliche Unternehmen auf Rechnung des Staates betreiben zu lassen. Auch soll der Staat für die bereits erfolgten Ausgaben in keiner Weise herangezogen werden.

Da jedoch die Witwe Nettine, die für das neue Unternehmen schon beträchtliche Vorschüsse gezahlt hat, es auf eigene Rechnung übernehmen will, so ermächtige ich Eure Hoheit, ihr zu diesem Zweck die nötige Genehmigung zu geben und ihr alle Erleichterungen und Vergünstigungen zu gewähren, die sich mit der Wohlfahrt meiner Finanzen und der Verfassung meiner belgischen Provinzen vereinbaren lassen.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 2. August 1763.

Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von Surmont und hoffe, daß Frau Nettine ihre großen Vorschüsse wieder herauswirtschaften wird. Sicherlich steckt in seinem Geheimverfahren etwas Gutes; zum mindesten ist dies bei der Hutfabrikation und Gerberei anerkannt, und alle unsere Seiden- und Tuchhändler finden die gefärbten Stoffe wunderbar. Se. Kgl. Hoheit wird die diesbezüglichen Befehle Ihrer Majestät[392] mit größter Genauigkeit ausführen.

Kaunitz an Cobenzl

Wien, 14. August 1763.

Ich verstehe nicht recht, was die Wendung in Ihrem Berichte vom 2. bedeutet: „Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von Surmont.“ Geht er freiwillig oder jagt man ihn endlich fort? Im ersteren Falle dürfte er wohl nicht nur das Geld der von mir aufrichtig bedauerten Frau Nettine mitnehmen, sondern auch die freie Verfügung über seine schönen Geheimmittel behalten. Im zweiten Fall wird man ihm hoffentlich noch das Geheimnis der Verfeinerung von Ölen entlockt haben. Offen gestanden, Herr Graf, könnte ich mir noch heute kein Bild machen, hätte ich nicht schon in meiner ersten Antwort[393] die Begeisterung unterstrichen, mit der dieser Schwindler Sie alle erfüllt hat, ganz ähnlich, wie es ihm auch in Frankreich geglückt ist. Aber zu etwas sind schlimme Erfahrungen doch gut, und ich hoffe, in Zukunft wird man bei Ihnen auf der Hut sein, und die Abenteurer werden kein gewonnenes Spiel haben.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 23. August 1763.