Dieser sonderbare Mann, der zu seiner Zeit manches unverdiente Aufsehen erregte, lebte verschiedene Jahre in dem Fürstentume Ansbach, ohne daß man nur von weitem ahnen konnte, er sei der rätselhafte Abenteurer, von dem man so manche wunderbare Sagen verbreitete.
Alexander, Markgraf von Ansbach und Bayreuth
Stich von Daniel Berger
Es war im Jahre 1774, als dem nun verstorbenen Herrn Markgrafen von Brandenburg Karl Alexander[405] angezeigt wurde, daß sich zu Schwabach ein Fremder aufhalte, der sich für einen russischen Offizier ausgebe, sehr eingezogen lebe, zugleich aber manche Handlungen der Wohltätigkeit ausübe. Der damals noch zwischen Rußland und der Pforte obwaltende Krieg[406] und die Anwesenheit der russischen Flotte in dem Archipelago erregten die Vermutung, daß das russische Gouvernement vielleicht einen vertrauten Menschen nach Franken geschickt habe, um ohne Aufsehen die über Italien gehende Korrespondenz zu besorgen. Und der ebenso gütige als menschenfreundliche Fürst gab den Befehl, diesem Fremden insolange den ruhigen Aufenthalt zu gestatten, als er der Polizei keine Veranlassung geben würde, ihn näher zu beobachten.
Einige Zeit nachher meldete der reformierte Geistliche zu Schwabach, Herr Dejan, daß der Fremde, der seit seiner Anwesenheit daselbst bloß mit ihm und dem damaligen Stadtvogt Greiner Umgang gepflogen habe, sehr wünsche, dem Herrn Markgrafen, wenn es ohne Aufsehen geschehen könne, vor seiner Abreise aus der Gegend aufzuwarten und ihm für den so liberal gewährten Schutz zu danken. Dieser Wunsch wurde ihm gewährt, und der Markgraf sah ihn zum erstenmal im Winter abends bei der berühmten Schauspielerin Clairon[407], die zu eben dieser Zeit sich zu Ansbach befand.
Der Fremde schien damals ein Mann zwischen 60 und 70 Jahren zu sein, von mittlerer Größe, mehr hager als stark, der seine grauen Haare unter einer Perücke verbarg und vollkommen einem gewöhnlichen alten Italiener gleich sah. Sein Anzug war so einfach als möglich; sein Ansehen verkündigte nichts Außerordentliches.
Nachdem er dem Markgrafen in französischer Sprache (der Akzent verriet einen Italiener) für die Erlaubnis gedankt hatte, sich in seinen Landen ungestört aufhalten zu dürfen, sagte er ihm viel Schönes über seine Regierung, sprach über große Reisen, die er gemacht hatte, und endigte damit, zu versichern, daß er zu Bezeugung seiner Dankbarkeit dem Markgrafen Geheimnisse anvertrauen wolle, welche geeignet seien, das Glück und den Wohlstand seines Landes zu befördern. Natürlich mußten Äußerungen dieser Art Aufmerksamkeit erregen, die bald aufs höchste gespannt wurde, als er eine Menge sehr schöne Steine vorzeigte, die man für Diamanten ansehen konnte, und die, wenn sie echt waren, von ungeheurem Wert sein mußten.
Der Markgraf lud ihn nun ein, auf das Frühjahr nach Triesdorf, dem Sommeraufenthalt des Fürsten, zu kommen, und Graf Tzarogy[408] — denn unter diesem Namen hatte er sich vorstellen lassen — nahm diese Einladung unter der Bedingung an, wenn man ihm gestatten wolle, dort nach seiner eigenen Weise, ganz unbemerkt und in der Stille leben zu dürfen.
Zu Triesdorf wurde er in die unteren Zimmer des Schlosses logiert, dessen oberen Teil Mademoiselle Clairon bewohnte. Der Markgraf und dessen Gemahlin wohnten im Falkenhause. Er hatte keinen Bedienten, speisete nur auf seinem Zimmer, das er selten verließ, und dies so einfach als möglich. Seine Bedürfnisse waren mehr als eingeschränkt. Er vermied allen Umgang, und nur die Abendstunden brachte er in der Gesellschaft der Mademoiselle Clairon, des Markgrafen und derjenigen Personen, die dieser Herr gern um sich haben mochte, zu. Man konnte ihn nicht bewegen, an der fürstlichen Tafel zu speisen, und nur einige Male sah er die Frau Markgräfin, die auch begierig war, den sonderbaren Menschen kennen zu lernen.