I
Aus den „Erinnerungen“ Thiébaults[480]

Ein ungewöhnlicher Mann, in der Welt als Graf Saint-Germain bekannt, kam nach Berlin und blieb dort über ein Jahr. Der Abbé Pernety[481] besuchte ihn als Adept sofort und erzählte uns Wunderdinge von ihm.

Der Graf war ein Greis, dessen Alter und Heimat unbekannt war. Er war indes noch sehr rüstig, obgleich etwas beleibt. Wie man sagte, besaß er das Geheimnis, Gold zu machen, ja sogar Diamanten. Er lebte — was weit wichtiger ist — seit ich weiß nicht wieviel hundert Jahren. Er war der ewige Jude, etwas ganz Wunderbares, zumal er alle europäischen Sprachen beherrschte. Saint-Germain nahm ein paar Zimmer in einem der ersten Gasthöfe Berlins. Er lebte dort sehr zurückgezogen, hatte zwei Diener und einen Mietswagen, der den ganzen Tag vor der Tür stand. Er bezahlte ihn gut, benutzte ihn aber nie.

Der alte Freiherr von Knyphausen[482] besuchte ihn sogleich als alten Bekannten und lud ihn dringend ein, bei ihm zu speisen. „Gern,“ sagte Saint-Germain, „aber nur, wenn Sie mir Ihren Wagen schicken. Ich kann keine Mietswagen brauchen; sie hängen zu schlecht in den Riemen.“ Bemerkenswert ist, daß der Unbekannte den Freiherrn immer nur „mein Sohn“ anredete.

Die Prinzessin Amalie[483] wollte ihn sehen, und er stellte sich pünktlich ein. Sie fragte ihn, aus welchem Lande er sei.

„Ich bin aus einem Lande,“ entgegnete er, „das nie Ausländer zu Herrschern gehabt hat.“

In dieser geschickten, rätselhaften Art beantwortete er alle Fragen Ihrer Königlichen Hoheit, die zuletzt ganz sprachlos war und ihn verabschiedete, ohne etwas von ihm erfahren zu haben.

Auch Frau du Troussel[484] wollte ihn sehen. Der Abbé Pernety spielte den Vermittler bei dieser Staatsaktion, und eines Abends kam der Graf zu ihr und speiste bei ihr. Man brachte das Gespräch auf den Stein der Weisen. Er bemerkte jedoch nur, die, welche sich damit beschäftigten, begingen zumeist eine wunderliche Torheit, indem sie nur das Feuer als Hauptelement in Anwendung brächten. Sie bedächten aber nicht, daß das Feuer auflöst und zerteilt und daß es somit widersinnig sei, mit Feuer zu arbeiten, wo es sich um eine neue Zusammensetzung handle. Hierüber redete er lang und breit und ging dann zu alltäglicheren Dingen über.

Er hatte feine, durchgeistigte Züge; man sah ihm den Mann aus guter Familie und von guter Erziehung an. Er soll der Lehrmeister des berüchtigten Cagliostro gewesen sein[485], der bekanntlich in Paris den Kardinal von Rohan[486] und so viele andere zum besten gehabt hat. Aber der Schüler konnte sich in keiner Weise mit dem Lehrer messen. Hat sich dieser doch bis zu seinem Tode ohne irgendein peinliches Abenteuer behauptet, wogegen der dreistere Cagliostro oft alles aufs Spiel gesetzt und seine Laufbahn in den Kerkern der römischen Inquisition beschlossen hat, ein trauriges, aber viel zu mildes Schicksal.

Die Geschichte des Grafen Saint-Germain zeigt einen klügeren und vorsichtigeren Abenteurer und nichts, was gegen die Ehre im eigentlichen Sinne verstößt. Nichts ist unredlich, alles wunderbar, nirgends Niedertracht und Ärgernis. Wenn es wahr ist, daß er Damen, die bei dem Trauerspiel „Mariamne“ weinten, gesagt hat: „Wie wäre es erst, meine Damen, hätten Sie sie wie ich gekannt, hätten Sie gesehen, wie liebenswürdig, reizvoll und schön sie war[487]!“ — wenn es wahr ist, daß er vom Leiden Jesu Christi gesagt hat: „Es war seine eigene Schuld; ich hatte es ihm vorhergesagt, daß er ein schlimmes Ende nehmen würde, wenn er seine Ziele nicht änderte“, — so sind das lächerliche Redensarten, aber im Sinne der Gesellschaftsordnung keine Verbrechen.