Als jener seltsame Mann in Berlin weilte, wagte ich eines Tages, mit dem französischen Gesandten, Herrn von Pons Saint-Maurice[488], über ihn zu reden. Insbesondere drückte ich mein Erstaunen über seine besonderen, nahen Beziehungen zu hochstehenden Personen aus, z. B. zum Kardinal de Bernis[489], von dem er vertrauliche Briefe aus der Zeit haben sollte, wo dieser Minister des Auswärtigen war. Der Gesandte ließ sich darüber nicht aus, brachte dann aber Mutmaßungen vor, die recht wahrscheinlich klangen.

„Ich nehme an,“ sagte er zu mir, „daß ein wirklich eigenartiger Mensch den Entschluß faßt, sich ein außerordentliches Schicksal zu zimmern und in der Welt eine Rolle zu spielen, die Erstaunen und allgemeines Aufsehen erregt. Ich nehme an, daß dieser Mann, einzig von dieser Vorstellung beherrscht und sich ihr ganz widmend, Geist besitzt, Kenntnisse erwirbt, auf alle Umstände ein scharfes Augenmerk hat und noch mehr Beharrlichkeit in der Ausführung seines Planes zeigt. Ich nehme besonders an, daß er seine Absichten in den Schleier tiefster Verschwiegenheit zu hüllen versteht und daß es ihm im Bedarfsfalle nie an Geistesgegenwart und Geschmeidigkeit fehlt. Ich nehme schließlich an, daß er ein beträchtliches Vermögen geerbt oder erworben hat, etwa 20000 Franken festes Einkommen. Wie wird ein solcher Mann sich nun benehmen? Er wird weder von seinem Alter noch von seiner Heimat, Familie und Person offen sprechen; er wird sich in den tiefsten Schleier des Geheimnisses hüllen, seine Einkünfte für ein paar Jahre zurücklegen und dadurch ein Kapital erübrigen, das er sicheren und bekannten Bankhäusern anvertraut. Wenn er nach Berlin kommt, wird er seine Gelder z. B. in Leipzig haben. Ein Berliner Bankhaus wird den Auftrag erhalten, ihm 20000 Franken oder mehr auszuzahlen. Er wird sie abheben und sie an ein Bankhaus in Hamburg senden, das sie ihm dann zurückschickt. Das gleiche Spiel wird er mit einigen Frankfurter Bankhäusern und in anderen Städten spielen; aber es wird stets das gleiche Kapital sein, bei dem er nur einige Prozente verliert, und er wird seinen Zweck erreichen; denn man erfährt, daß er allwöchentlich beträchtliche Summen von überall erhält, und wird nicht erfahren, was er damit macht, zumal wenn er wenig ausgibt und sich auf keinerlei Geschäfte einläßt. Alle anderen Wunderdinge, die man von solchen rätselhaften Unbekannten erzählt, lassen sich ebenso leicht natürlich erklären, wie die Gelder, die der Graf Saint-Germain so häufig erhält, obwohl er so wenig ausgibt.“

II
Aus Zimmermanns „Fragmenten über Friedrich den Großen“[490]

Madame du Troussel[491] hatte Zufälle, die man in Berlin für unheilbar hielt; deswegen begab sie sich in die Kur des berühmten Grafen von Saint-Germain. Dieser heilte sie aus dem Grunde, und sie zeigte jedermann einen Stein von der Größe eines Hühnereies, der ihr von Saint-Germain abgetrieben sei. Dennoch war das Berlinische Publikum argwöhnisch genug, zu glauben, was auch höchstwahrscheinlich ist: Saint-Germain habe sie bloß von einem Nachlasse ihrer Liebe für den schändlichen Bischof von Breslau[492] geheilt. Zwei Jahre nachher starb diese nicht unberühmte Berlinische Dame an einem hitzigen Fieber.

III
Graf Saint-Germain[493]

Dieser vor zwei Jahren im Dänisch-Holsteinischen verstorbene Abenteurer war ein würdiges Gegenstück des verstorbenen Grafen Cagliostro[494]. Auch er fand Bewunderer und Anhänger in Menge, und in welchem Tone ward er bewundert! Eben itzt bekomme ich einen großen Kupferstich[495] zu Gesichte, worin er mit einer unbedeutenden vornehmen Hofmannsmiene in einem prachtvollen Pelzkleide zu sehen ist, und worunter höchst merkwürdige Verse stehen, die mir eine Anzeige zu verdienen scheinen, um die Denkungsart solcher Menschen bekannt zu machen, die sich nicht schämen, von Zeit zu Zeit dergleichen Dinge in die Welt zu streuen.

Ich habe sehr wohl gewußt, daß viele Hohe und Niedere sich von diesem Menschen betören ließen, der weder öffentliche noch geheime wahre Künste und Wissenschaften besaß, obgleich er das Geheimnis verstand, viele glaubend zu machen, daß er ein Wundertäter sei; ein Geheimnis, das itzt so öffentlich, und man kann hinzusetzen, so plump getrieben wird, daß man nachgerade einsieht, wie leicht es ist, sobald nämlich nur jemand mit seinem Gewissen fertig wird, um alle Mittel zu seinem Zwecke anzuwenden.

Dieser Mensch, der mancherlei, aber nicht das geringste gründlich verstand, den in Dresden und Berlin kein gescheiter Mann achtete, der nicht die gemeinste Kenntnis von dem, was große Gelehrte in den wichtigsten Fächern geleistet haben, besaß, der nie etwas wirklich Gutes oder Schönes zustande gebracht hat, der nichts ordentlich gelernt hatte, sondern statt des schweren Studierens die leichtere Mühe magischer Zauberworte anwenden wollte: dieser Mensch war dreist genug, zu verstehn zu geben, daß er alles wisse und alles könne. Und er fand, leider! selbst unter den deutschen Fürsten manche, die ihm glaubten. Er sollte nicht bloß ein großer Tonkünstler sein, sondern die Geige so spielen, als wenn man drei Geigen zugleich hörte[496], und er spielte seine eine höchst mittelmäßig. Er sollte nicht bloß Leder und Wolle verbessern, sondern auch Diamanten von ihren Flecken reinigen und sogar mehrere zusammenschmelzen können, obgleich alle, die ihm in den erstern leichtern Künsten trauten, mit ihrem Schaden seine eitlen Versprechungen erfahren haben und die letztern schwerern Stücke niemals ein Mensch gesehen hat. Er sollte Gold machen können; doch wer kann das anitzt nicht? Er verstand, verjüngende oder gar unsterblich machende Arzeneien, namentlich ein gewisses Salz, zu verfertigen, so daß erdigte Teile dem aus Erde gebaueten Menschen ein überirdisches Los zusicherten. Er kaufte Häuser und Landgüter, ohne sie zu bezahlen, und man bewunderte, wo er das Geld dazu herbekäme usw.

Alles dies weiß ich sehr wohl. Auch weiß ich, daß er sogar dann noch Glauben fand, wenn er teils durch andere sagen ließ, teils wie aus Übereilung selbst zu verstehen gab, teils geradezu erklärte: er sei ganz ungemein alt; welches aber, nach Beschaffenheit der Umstände, sehr verschieden angegeben ward. Bald hatte er nur mit Kaiser Leopold[497] noch Briefe gewechselt, bald schon mit dem Adepten aus der Gold- und Rosenkreuzergesellschaft, Federico Gualdo[498][*], von dessen Kindheit an in Freundschaft gelebt, bald gar unserem Herrn Christus allerlei Rat in Absicht seines Verhaltens gegeben[**]. Ich weiß sogar, daß manche itzt noch, da er gestorben ist, glauben: er lebe und werde bald lebendig hervorgehn! Da er doch wirklich mausetot ist und wahrscheinlich itzt schon fault und stinkt, wie ein ganz gemeiner Mensch, der keine Wunder verrichten kann, und den nie ein Prinz begrüßt hat, auch tun würde.

Obgleich ich alles dies wußte, so hatte ich doch nie glauben können, daß man die unsinnige Verehrung eines solchen Menschen so weit treiben könnte, als ich es auf dem erwähnten Kupferstiche fand. Hier ist die ganze lobpreisende Unterschrift desselben: