Graf Saint-Germain,

berühmter Alchimist.

Prometheus gleich raubt’ er vom Himmelszelt

Die Lebensflamme, die das All erhält;

Natur folgt seinem Wort, von ihm gemeistert;

Ist er nicht Gott, hat ihn ein Gott begeistert[499].

Wer hätte glauben sollen, daß in unseren Tagen der Name Alchimist ein im Ernst gegebener Ehrenname sein könnte! Übrigens verdient der freilich ein berühmter Alchimist zu heißen, dessen Stimme die Natur gehorcht und auf dessen Ruf sie sich bewegt. Die Natur! Weiß man, was man sagt, wenn man solche Worte gebraucht? Aber die letzte Zeile, die letzte Zeile!

„Ist er nicht Gott, hat ihn ein Gott begeistert!“

Der bedingende Ausdruck des Gedankens im Vordersatze nimmt denselben offenbar als vielleicht wirklich und als zuverlässig möglich an. Und welchen Gedanken!

Ich bin gewiß weder intolerant noch verketzernd, ich brauche nicht gern harte Worte und starke Beschuldigungen, wo noch lachender Spott hingehören kann; aber ich würde fürchten, mich des Namens eines Gottesverehrers unwürdig zu machen, wenn ich hier nicht ernsthaft und anklagend sagte: daß dieser schändliche Ausdruck eine der rasendsten Blasphemien enthält, deren sich je der verirrte menschliche Verstand schuldig gemacht hat. Gesetzt auch, dieser Mensch wäre so weise und einsichtsvoll gewesen, als er töricht und unwissend war, so edel, groß und bescheiden, als er kindisch, eitel und prahlerisch, so erhaben gesinnt, als er eigennützig, so offen und wahrhaft, als er ränkevoll und betrügerisch war usw. — so müßte doch jeder Mensch davor zurückbeben, diese Worte, die ich mich schäme, noch einmal hinzuschreiben, von ihm zu gebrauchen. Klarer, plumper Atheismus, der itzt wieder laut zu werden anfängt, ist minder schädlich und gefährlich als solch eine Menschenvergötterung. Traurig genug, wenn ich unter Mitbürgern leben sollte, die den erhabensten Gedanken nie gedacht hätten, die keinen Begriff von dem allgemeinen Vater der Natur und aller Menschen hätten, bei deren Moralität ich mich bloß auf ihr Gefühl oder die Furcht vor Strafen verlassen müßte! Aber tausendmal willkommen sei mir ihre Gesellschaft gegen solche Leute, die es für möglich, für denkbar halten können: daß ein schwacher Mensch, wie ich und sie, die ganze Natur regiere, daß ein beschränktes Wesen die Kraft in Händen habe, wodurch alles lebt und wodurch die Welt existiert, und daß dieser Mensch folglich den uneingeschränktesten Gehorsam, die unwiderstehlichste Befolgung in allen seinen Befehlen und wahre göttliche Verehrung verdiene! Ich schaudere, wenn ich mir vorstelle, wohin dies in Absicht der gesunden Vernunft, des Gewissens und der Regeln menschlicher Handlungen führen müßte.