Und wer braucht diesen Ausdruck? Nicht etwa barbarische Kamtschadalen, deren roher Verstand sich einen Gott gebildet hat, den der schmutzigste Erdensohn übertrifft, und die folglich einen Taschenspieler leicht vergöttern könnten. Nein, kultivierte Europäer tun es, deren Begriffe reiner sein müssen, und die wissen, daß der angestrengteste Verstand sich umsonst bemüht, einen Schatten von den großen Eigenschaften der Gottheit sich lebhaft zu denken, wenn er auch das Erhabenste, was seit Jahrtausenden die Welt kannte, in seiner Vorstellungskraft zusammensetzt. Noch mehr, die einzig fromm und rechtgläubig sein wollenden Christen tun es! Denn dieselben Menschen, die der Geisterseherei, der Goldmacherei und allen verworfenen Träumereien von geheimen Kräften der Natur und von itzigen Wundern anhängen, die den Vorspiegelungen eines Cagliostro, eines Saint-Germain, eines Schrepfer[500], eines Güldenfalk[501], eines Plumenoek[502] usw. Glauben beimessen, die im „Mystère de la Croix“ und im Buche „De l’erreur et de la vérité[503] menschenbeglückende Weisheit suchen: eben diese sind es ja, die sich der höchsten Reinheit der Glaubenslehre rühmen und immer Frömmigkeit und echtes Christentum im Munde führen. Sie wissen ja so höhnend von Theologen nach der neuen Art, von Spöttern der Religion usw. zu reden, wenn denkende Köpfe die Kraft ihres Verstandes und ihren Untersuchungsgeist auch auf wahrhaft wichtige Dinge anwenden und dadurch zu Begriffen gelangen, die freilich von dem gerade itzt im Schwange gehenden System abweichen, die aber näher zur Sache zu treffen scheinen und schon von tausend frommen und rechtschaffenen Christen in mehreren Jahrhunderten auch gedacht wurden, wovon freilich diese Menschen von gestern her nichts wissen, deren Mangel an Sach- und Sprachkenntnis, Unwissenheit in der Geschichte, Bequemlichkeit im Nachbeten, Unvermögen im Selbstdenken und Aberglauben in williger Annehmung der abgeschmacktesten Behauptungen nur noch von ihrer hartherzigen Verdammungslust übertroffen wird. Diese sich selbst so nennende wahre reine Christen machen sich dann solcher Blasphemien schuldig, die den Grund aller Religion, aller Moralität und Tugend, alles Menschenverstandes und gesunder Vernunft untergraben! Dahin, dahin führt endlich der Weg dieser betrügerischen Heuchler, denen kein Deckmantel, auch der der christlichen Religion nicht, zu heilig ist!

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Der bekannte Berliner Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai (1732-1811) schreibt ähnlich[504]:

„Saint-Germain ward für einen Gott ausgegeben und erregte die Aufmerksamkeit vieler Fürsten und anderer gar nicht geistloser Köpfe.“

SAINT-GERMAIN IN HAMBURG (1778)

Dresser an Baron Uffel[505]

Hamburg, 23. Oktober 1778.

Jetzt muß ich Ew. Hochwürden von einem besonderen Phänomen Nachricht geben. Ein sich nennender Graf Saint-Germain, der seine Abkunft nicht bekannt machen will, logiert hier in dem Wirtshause: Kaiserhof. Er führt großen Staat; es fehlt ihm nicht an Geld; er bezahlt alles comptant, erhält gleichwohl keine Rimessen[506]. Er schreibt Nacht und Tag, hat Correspondance mit den größesten gekrönten Häuptern, frequentiert außer der Gräfin Bentinck[507] und dem französischen Herrn Minister[508] nicht gern Gesellschaft. Seine Connaissance zu erlangen hält schwer. Er ist ein Liebhaber der Naturgeschichte, hat die Natur studiert und den dadurch erlangten Kenntnissen es zu verdanken, daß er jetzt 182 Jahr alt ist und so jung aussieht, wie ein Mann von 40 Jahr. Im engsten Vertrauen hat er einem Freunde von mir gesagt, daß er gewisse Tropfen besäße, wodurch er das alles, auch transmutationem metallorum[509] pp. bewirkte. In seiner Gegenwart hat er einen kupferreichen Gulden durch einige Tropfen in das feinste Silber, schlechtes Leder in das beste englische Leder und böhmische Steine in Diamanten verwandelt. Dabei ist er beständig vor sich, communiciert sich nicht leicht jemand, hat Überfluß an allen Sorten Gold und silbernen Münzen, die aussehen, als wenn sie erst aus der Münze kamen. Hat sich neulich ein ganz komplettes, silbernes, modernes Tafel-Service nach dem Modell, welches die Frau Gräfin Bentinck hat, machen lassen und sogleich baar in neuen vollwichtigen Dukaten bezahlt. Und doch erhält er von niemand Rimessen und ist auch an keinen Kaufmann adressiert. Wie geht das zu? Sollte der Mann wohl einer von denen sein, die wir bisher suchen?

Ich gebe mir alle Mühe, mit ihm auf eine gute Art bekannt zu werden; denn Zudringlichkeit würde schaden. Ein hier durchgereister dänischer Legationsrat hat den Mann in Paris, London und Haag gekannt und mir versichert, daß er daselbst ebenso, wie hier, sich verhalten hätte; daß er allenthalben bei Hofe gewesen und besondere Distinctions genossen hätte; daß man demohngeachtet nie seine wahre Abkunft habe erfahren können. Von der russischen Kaiserin[510], von der Prinzessin Amalia in Berlin[511] empfängt er fast posttäglich Briefe. Unsere Herren Ministers hier machen ihm die Cour, aber er familiarisiert sich nicht mit ihnen, sondern schreibt beständig und noch dazu im Dunkeln. Seine Bediente wissen nichts von ihm; er schafft sie ab, sowie er einen Ort verläßt. Nur einen Kammerdiener hat er bei sich, den der Legationsrat, mein Freund, schon in Paris, London und Haag bei ihm gesehen. Sollten Ew. Hochwürden mir etwas davon zur Aufklärung mitteilen können, so werde ich alles wagen, um den Mann näher zu entdecken.