Der Markgraf behauptet, er habe sich überzeugt, daß Saint-Germains Edelsteine falsch waren: es sei ihm gelungen, durch seinen Juwelier einen Diamanten heimlich mit der Feile prüfen zu lassen, als der Stein der im Bette liegenden Markgräfin[50] gezeigt wurde; denn Saint-Germain paßte scharf auf seine Steine auf und ließ sie nicht aus den Augen.

Schließlich starb der außerordentliche Mann bei Schleswig beim Prinzen Karl von Hessen, den er vollständig bestrickt und zu Spekulationen veranlaßt hatte, die jedoch fehlschlugen. In seinem letzten Lebensjahre ließ er sich nur von Frauen bedienen, die ihn pflegten und ihn wie einen zweiten Salomo verhätschelten. Nach allmählichem Kräfteverfall starb er in ihren Armen.

Umsonst gaben sich die Freunde, die Bedienten und selbst die Brüder des Prinzen[51] alle Mühe, ihm das Geheimnis seiner Herkunft zu entlocken. Da der Prinz aber alle Papiere Saint-Germains erbte[52] und alle Briefe erhielt, die nach seinem Tode eintrafen, muß er mehr darüber wissen als wir, die wahrscheinlich nie mehr erfahren werden. Ein so seltsames Dunkel ist seiner Gestalt würdig.

AUS DEM „TAGEBUCH EINES WELTKINDES“ VON GRAF LAMBERG[53]

Eine seltsame Erscheinung ist der Marquis von Aymar oder Belmar, bekannt unter dem Namen Saint-Germain. Er wohnt seit einiger Zeit in Venedig, wo er hundert Frauen, die ihm eine Äbtissin verschafft, mit Versuchen zum Bleichen des Flachses beschäftigt, dem er das Aussehen von italienischer Rohseide gibt.

Er glaubt 350 Jahre alt zu sein, und wohl um nicht zu arg zu übertreiben, behauptet er, den Thamas Chouli-Kan in Persien[54] gekannt zu haben.

Als der Herzog von York[55] nach Venedig kam, beanspruchte er beim Senat den Vorrang vor diesem. Als Grund gab er an, man wisse wohl, wer der Herzog von York sei, kenne aber noch nicht den Titel des Marquis von Belmar.

Er besitzt einen Verjüngungsbalsam: eine alte Frau, die sich zu stark damit einrieb, wurde wieder zum Embryo. Einem seiner Freunde gab er eine Haarwickel und diesem zahlte ein Bankier, der den Marquis nicht kannte, auf Sicht 200 Dukaten in bar.

Ich fragte ihn, ob er nach Frankreich zurückkehre. Er versicherte mir mit überzeugter Miene, daß die Flasche (mit Lebenselixier), die den König in seinem jetzigen Gesundheitszustand erhalte, zu Ende ginge. Infolgedessen werde er mit einem glänzenden Streich wieder auf der Bühne erscheinen und sein Name werde in ganz Europa bekannt werden.

Er soll in Peking gewesen sein, ohne sich irgendeinen Namen beizulegen; als die Polizei ihn drängte, seinen Namen zu nennen, entschuldigte er sich damit, er wisse selbst nicht, wie er heiße. „In Venedig“, sagte er, „nennt man mich den Herrn ‚Was geht’s dich an’, in Hamburg: ‚Mein Herr’, in Rom: ‚Monsignor’, in Wien: ‚Pst’. In Neapel pfeift man nach mir, in Paris beäugt man mich, und auf dieses Zeichen spreche ich gern jeden an, der mich anschaut. Mein Name kann Ihnen, meine Herren Mandarinen, also gleichgültig sein. Solange ich bei Ihnen lebe, werde ich mich wie der Träger eines erlauchten Namens benehmen. Ob ich Erbse oder Bohne, Piso[56] oder Cicero heiße, mein Name muß Ihnen gleichgültig sein.“ Selbst in Venedig erhält er Briefe, auf denen bloß „Venedig“ steht. Der Rest ist freigelassen, und sein Sekretär verlangt auf der Post einfach Briefe ohne jede Anschrift.