Seine Philosophie war die des Lukrez: er sprach mit geheimnisvoller Begeisterung von den Tiefen der Natur und eröffnete der Phantasie unbestimmte, dunkle und unendliche Ausblicke auf die Art seines Wissens, seine Reichtümer und seine vornehme Abkunft. Gern erzählte er Züge aus seiner Kindheit und schilderte sich selbst, wie er mit zahlreichem Gefolge auf prächtigen Terrassen in einem herrlichen Klima lustwandelte, gleich als wäre er der Erbe eines Königs von Granada zur Zeit der Mauren gewesen. Allerdings hat kein Mensch, keine Polizei je herausbekommen, wer er war und woher er stammte.

Er sprach fließend Deutsch und Englisch. Französisch sprach er mit piemontesischem Akzent, Italienisch ausgezeichnet, aber besonders Spanisch und Portugiesisch ohne den geringsten Akzent.

Wie ich hörte, hat er neben mehreren deutschen, italienischen und russischen Namen, unter denen man ihn in verschiedenen Ländern glänzen sah, in früherer Zeit auch den eines Marquis von Montferrat getragen. Wie ich mich entsinne, sagte mir der alte Baron Stosch[38], er hätte in Florenz zur Zeit des Regenten[39] einen Marquis von Montferrat gekannt, der für einen natürlichen Sohn der Witwe Karls II.[40], die sich nach Bayonne zurückgezogen hatte, und eines Madrider Bankiers galt.

Saint-Germain verkehrte im Hause des Herzogs von Choiseul[41] und war dort gern gesehen. Wir waren daher sehr erstaunt, als dieser Minister seiner Gattin gegenüber eine sehr ausfallende Bemerkung über ihn machte. Er fragte sie plötzlich, warum sie nichts trinke, und als sie antwortete, sie wende gleich mir mit Erfolg die Lebensdiät Saint-Germains an, entgegnete Choiseul: „Der Baron, der, soviel ich weiß, eine besondere Vorliebe für Abenteurer hat, ist sein eigener Herr und kann leben, wie er will. Ihnen aber, Madame, deren Gesundheit mir kostbar ist, verbiete ich, die Narrheiten eines so zweideutigen Menschen nachzuahmen.“ Um dem peinlich werdenden Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte der Komtur von Solar[42] den Herzog von Choiseul, ob die Regierung wirklich die Herkunft eines Mannes nicht kenne, der in Frankreich auf so vornehmem Fuße lebe. „Gewiß kennen wir sie,“ versetzte Choiseul (aber er log), „er ist der Sohn eines portugiesischen Juden, der die Leichtgläubigkeit des Hofes und der Stadt zum besten hat. Seltsam,“ fuhr er, sich erhitzend, fort, „daß man erlaubt, daß der König oft fast allein mit einem solchen Menschen ist, während er nur von Garden umgeben ausgeht, als ob die Welt von Mördern wimmelte.“ Dieser Zornesausbruch kam von seiner Eifersucht auf den Marschall Belle-Isle[43], dem Saint-Germain sich mit Leib und Seele verschrieben hatte: ihm hatte er den Plan und das Modell der berühmten Flachboote gegeben, mit denen eine Landung in England[44] gemacht werden sollte.

Die Folgen dieser Feindschaft und der Argwohn Choiseuls kamen wenige Monate später zum Ausbruch[45]. Der Marschall spann immerfort Ränke zur Herbeiführung eines Sonderfriedens mit Preußen und zum Bruch des Allianzsystems zwischen Österreich und Frankreich, mit dem der Herzog von Choiseul stand und fiel. Ludwig XV. und Frau von Pompadour wünschten diesen Sonderfrieden, Saint-Germain redete ihnen ein, ihn zum Prinzen Ludwig von Braunschweig nach dem Haag zu schicken, dessen Busenfreund er sich nannte. Er versprach, auf diesem Wege erfolgreiche Verhandlungen anzuknüpfen, deren Vorteile er durch seine Beredsamkeit ins hellste Licht setzte.

Der Marschall setzte die Instruktionen auf, und der König übergab sie ihm persönlich mit einer Chiffre für Saint-Germain, der, im Haag angelangt, sich berufen fühlte, die Rolle des Gesandten zu spielen. Infolge seiner Indiskretion kam d’Affry, damals Botschafter im Haag[46], hinter das Geheimnis dieser Sendung und schickte einen Kurier an Choiseul, bei dem er sich heftig beschwerte, daß er einem alten Freund seines Vaters und der Würde eines Botschafters den Schimpf antäte, durch einen obskuren Ausländer Friedensverhandlungen unter seinen Augen anzuknüpfen, ohne ihn überhaupt davon in Kenntnis zu setzen.

Choiseul schickte den Kurier sofort zurück und befahl d’Affry, mit aller denkbaren Energie von den Generalstaaten die Auslieferung Saint-Germains zu fordern. Danach sollte er ihn, an Händen und Füßen gefesselt, in die Bastille einliefern. Am nächsten Tage verlas Choiseul im Kronrat d’Affrys Bericht und seine Antwort darauf. Dann blickte er im Kreise herum stolz auf seine Kollegen, heftete seine Blicke abwechselnd auf den König und Belle-Isle und schloß: „Wenn ich mir nicht die Zeit genommen habe, die Befehle des Königs einzuholen, so geschah es in der Überzeugung, daß hier niemand so dreist wäre, ohne Wissen des Ministers des Auswärtigen Eurer Majestät Friedensverhandlungen zu führen!“ Er wußte, daß der König den Grundsatz aufgestellt und stets beobachtet hatte, kein Minister dürfte sich in die Geschäfte eines anderen einmischen. So kam es, wie er vorausgesehen hatte: der König senkte schuldbewußt die Blicke, der Marschall wagte kein Wort, und Choiseuls Schritt wurde gebilligt. Aber Saint-Germain entwischte ihm. Die Generalstaaten beteuerten ihre Willfährigkeit und schickten ein großes Aufgebot zur Verhaftung Saint-Germains. Der aber war heimlich gewarnt und entfloh nach England.

Aus einigen Nachrichten glaube ich zu entnehmen, daß er bald wieder abreiste und nach St. Petersburg ging. Dann tauchte er in Dresden, Venedig und Mailand auf, verhandelte mit den dortigen Regierungen, um ihnen Geheimnisse der Färberei zu verkaufen und Fabriken zu begründen. Er machte damals den Eindruck eines Glücksritters und wurde in einer kleinen Stadt in Piemont wegen eines verfallenen Wechsels verhaftet. Doch er zeigte dem Inhaber für über 100000 Taler Wertsachen, bezahlte auf der Stelle, behandelte den Bürgermeister dieser Stadt als Kaffern und wurde unter den ehrerbietigsten Entschuldigungen freigelassen.

Im Jahre 1770 tauchte er in Livorno auf, mit russischem Namen und in Generalsuniform. Graf Alexei Orlow[47] behandelte ihn mit einer Auszeichnung, die der stolze und hochfahrende Mann sonst niemandem bezeigte. Das muß in engem Zusammenhang mit einer Bemerkung seines Bruders, des Fürsten Gregor Orlow, gegenüber dem Markgrafen von Ansbach stehen. Saint-Germain hatte sich einige Jahre darauf bei diesem niedergelassen[48] und ihn bestimmt, den berühmten Günstling Katharinas II. bei seiner Durchreise in Nürnberg zu besuchen[49]. Da sagte Orlow ganz leise zum Markgrafen über Saint-Germain, den er aufs feierlichste begrüßte: „Dieser Mann hat eine große Rolle bei unserer Revolution gespielt.“

Er wohnte in Triesdorf und hauste dort nach Belieben mit einer Herrenfrechheit, die ihm ausgezeichnet stand. Den Markgrafen behandelte er wie einen Schulknaben. Stellte ihm dieser bescheidene Fragen über seine Wissenschaft, so antwortete er: „Sie sind zu jung, um Ihnen dergleichen zu sagen.“ Um sich an diesem kleinen Hofe noch mehr in Respekt zu setzen, zeigte er von Zeit zu Zeit Briefe Friedrichs des Großen. „Kennen Sie diese Hand und dies Siegel?“ fragte er den Markgrafen, indem er ihm den Brief in seinem Umschlag zeigte. „Ja, es ist das kleine Siegel des Königs.“ — „Wohlan, was drin steht, sollen Sie nie erfahren.“ Damit steckte er den Brief wieder ein.