Erstaunt fragte ich meinen Nachbar, wer dieser Mann sei, und ich erfuhr, daß es der berühmte Saint-Germain war, der die seltensten Geheimnisse besaß, dem der König[29] eine Wohnung im Schloß Chambord eingeräumt hatte, der in Versailles ganze Abende mit Seiner Majestät und Frau von Pompadour verbrachte und dem alle Welt nachlief, wenn er nach Paris kam. Frau Lambert lud mich zum Essen für den nächsten Tag ein und setzte mit triumphierender Miene hinzu, ich würde mit Herrn von Saint-Germain speisen, der, nebenbei gesagt, einer ihrer Töchter den Hof machte und in ihrem Hause wohnte.
Die Dreistigkeit des Mannes hielt mich bei diesem Diner lange in respektvollem Schweigen. Schließlich wagte ich ein paar Bemerkungen über die Malerei und verbreitete mich über Verschiedenes, was ich in Italien gesehen. Ich hatte das Glück, Gnade vor den Augen von Saint-Germain zu finden. „Ich bin mit Ihnen zufrieden,“ sagte er zu mir, „und Sie verdienen, daß ich Ihnen alsbald ein Dutzend Gemälde zeige, dergleichen Sie in Italien nicht gesehen haben.“ In der Tat hielt er fast Wort; denn die Bilder, die er mir zeigte, trugen sämtlich ein Gepräge von Eigenart oder Vollendung, das sie anziehender machte, als manche klassischen Werke, insbesondere eine Heilige Familie von Murillo, die an Schönheit dem Raffael in Versailles gleichkam.
Aber er zeigte mir noch ganz andere Dinge: eine Menge Edelsteine, insbesondere farbige Diamanten von erstaunlicher Größe und Vollendung. Ich glaubte, die Schätze von Aladins Wunderlampe zu sehen. Unter anderem sah ich einen Opal von ungeheuerlicher Größe und einen eigroßen weißen Saphir, der alle Edelsteine, die ich daneben hielt, durch seinen Glanz überstrahlte. Ich wage mich als einen Juwelenkenner zu rühmen und kann versichern, daß das Auge nichts zu entdecken vermochte, was einen Zweifel an der Echtheit dieser Steine hätte begründen können, zumal sie ungefaßt waren.
Ich blieb bis Mitternacht bei ihm und verließ ihn als sein getreuer Anhänger. Sechs Monate lang folgte ich ihm mit der unterwürfigsten Beharrlichkeit, und ich habe nichts von ihm gelernt als die Praktiken und die Eigenart des Scharlatanismus. Kein Mensch besaß wie er die Gabe, die Neugier zu stacheln und die Leichtgläubigkeit auszunutzen. Er wußte seine Wundergeschichten je nach dem Maße der Empfänglichkeit seiner Zuhörer abzustimmen. Erzählte er einem Dummkopf eine Begebenheit aus der Zeit Karls V., so vertraute er ihm offen an, daß er dabeigewesen sei. Sprach er mit einem etwas weniger Leichtgläubigen, so schilderte er bloß die kleinsten Umstände, Miene und Gebärde der Sprechenden, ja selbst das Zimmer und den Fleck, an dem sie standen, mit allen Einzelheiten und einer Lebendigkeit, daß man den Eindruck erhielt, einen wirklichen Augenzeugen des Vorgangs zu hören. Bisweilen, wenn er eine Rede Franz’ I. oder Heinrichs VIII.[30] wiedergab, spielte er den Zerstreuten und sagte: „Der König wandte sich an mich —“, verbesserte sich aber rasch und fuhr, wie ein Mann, der sich verschnappt hat, hastig fort: „wandte sich an den und den Herzog.“
Im allgemeinen kannte er die Geschichte bis ins kleinste. Er hatte sich Bilder und Szenen zurechtgelegt und sprach von den fernsten Zeiten mit solcher Natürlichkeit, wie kaum ein Zeitgenosse von der jüngsten Gegenwart.
„Die dummen Pariser“, sagte er eines Tages zu mir, „glauben, daß ich 500 Jahre alt sei, und ich bestärkte sie in dieser Annahme; denn ich sehe, daß ihnen das viel Spaß macht. Ich bin freilich ungleich älter als ich aussehe,“ setzte er hinzu, denn auch mich wünschte er bis zu einem gewissen Grade irrezuführen. Aber die Pariser waren nicht nur so dumm, ihm ein mehrhundertjähriges Alter zuzuschreiben, sie machten ihn sogar zum Zeitgenossen Christi, und zwar aus folgendem Anlaß.
In Paris lebte ein kurzweiliger Mann, den man Mylord Gower nannte, weil er die Engländer hervorragend nachmachte. Nachdem die Regierung ihn im Siebenjährigen Kriege als Spion beim englischen Heere verwandt hatte, wurde er zum Spielzeug einiger Leute am Hofe, die die einfältigen Pariser zum besten haben wollten. Man steckte ihn in die verschiedensten Kostüme und ließ ihn alle möglichen Menschen kopieren. So wurde dieser Mylord Gower im Marais[31] als Herr von Saint-Germain eingeführt, um die Neugier der Damen und Maulaffen dieser Stadtgegend zu befriedigen, die sich leichter nasführen lassen als die Leute in der Gegend des Palais Royal. Auf diesem Schauplatz erlaubte sich unser falscher Adept seine Rolle zu spielen. Anfangs übertrieb er nur wenig. Als er jedoch sah, daß man alles bewundernd aufnahm, griff er von einem Jahrhundert aufs andere bis auf Jesus Christus zurück. Von ihm sprach er mit solcher Vertrautheit, als wäre er sein Freund gewesen. „Ich habe ihn sehr gut gekannt,“ sagte er. „Er war der beste Mensch auf Erden, aber romantisch veranlagt und unbesonnen; ich habe ihm oft gesagt, er würde ein schlimmes Ende nehmen.“ Dann ging unser Schauspieler auf die Dienste ein, die er ihm durch Vermittlung der Frau des Pilatus zu leisten versuchte, in deren Haus er täglich verkehrte. Er behauptete, die heilige Jungfrau, die heilige Elisabeth[32], ja selbst deren alte Mutter, die heilige Anna[33], gut gekannt zu haben. „Der“, sagte er, „habe ich nach ihrem Tode einen großen Dienst geleistet. Ohne mich wäre sie nie heilig gesprochen worden. Zu ihrem Glück war ich beim Konzil zu Nicäa[34], und da ich mehrere der dort versammelten Bischöfe kannte, bat ich so innig und stellte ihnen so oft vor, eine wie brave Frau sie gewesen sei und wie wenig es ihnen kostete, so daß sie dann auch wirklich heilig gesprochen wurde.“ Diese abgeschmackte Posse wurde in Paris ziemlich ernsthaft weitererzählt und trug Herrn von Saint-Germain den Ruf ein, im Besitz eines Lebenselixiers zu sein, das ihn verjüngte und unsterblich machte. Daraus entstand die Schnurre von der alten Kammerfrau einer Dame, die eine Phiole dieser göttlichen Flüssigkeit heimlich bewahrte. Die alte Kammerfrau grub sie aus und trank so viel davon, daß sie immer jünger und schließlich zum kleinen Kinde wurde.
Obwohl alle diese Fabeln und mehrere Anekdoten über Saint-Germains Alter weder Glauben noch Beachtung bei vernünftigen Menschen verdienen, so bleibt immerhin wunderbar, was mir zahlreiche glaubwürdige Personen über seine lange Lebensdauer und die fast unbegreifliche Unveränderlichkeit seines Äußeren bestätigt haben. So hörte ich Rameau[35] und die alte Verwandte eines französischen Botschafters in Venedig[36] versichern, als sie Saint-Germain dort 1710 kennen lernten, habe er wie ein Fünfzigjähriger ausgesehen. Im Jahre 1759 schien er 60 Jahre alt zu sein, und damals erneuerte Morin, mein späterer Gesandtschaftssekretär, für dessen Wahrhaftigkeit ich einstehe, in meinem Hause die Bekanntschaft mit ihm, die er 1739 auf einer Reise in Holland gemacht hatte, und war baß erstaunt, daß er nicht um ein Jahr älter aussah. Alle Personen, die ihn danach bis zu seinem Tode kennen gelernt haben — der, wenn ich nicht irre, 1780 in Schleswig[37] stattfand — und die ich über sein vermeintliches Alter befragte, haben mir stets geantwortet, er mache den Eindruck eines guterhaltenen Sechzigers. Ein Mann von 50 Jahren ist also im Zeitraum von 70 Jahren nur um 10 Jahre gealtert — das scheint mir das Außerordentlichste und Bemerkenswerteste an seiner Geschichte.
Er besaß mehrere chemische Geheimmittel, besonders zur Herstellung von Farben und Färbstoffen und einer Art von Similor von seltener Schönheit. Vielleicht hat er auch die erwähnten Edelsteine, deren Echtheit nur durch die Probe mit der Feile widerlegt werden könnte, selbst angefertigt. Aber von einer Universalmedizin habe ich ihn nie reden hören.
Er lebte sehr mäßig, trank nie beim Essen, purgierte sich mit selbstbereiteten Sennesblättern und gab seinen Freunden keinen anderen Rat, wenn sie ihn fragten, was sie tun müßten, um lange zu leben. Überhaupt pries er nie wie andere Scharlatane übernatürliche Kenntnisse an.