Was neben seinen dunklen Künsten dazu beitrug, ihm eine Stellung in der großen Welt zu sichern, war die Fabel von seinen märchenhaften Reichtümern. Er prunkte mit seinen Edelsteinen — aber ihre Echtheit wird bestritten. Er erwarb Landgüter in Frankreich und Holland — aber er konnte sie nicht bezahlen. Die Madame Nettine in Brüssel mußte zu ihrem Schaden erfahren, was es mit seinen in Nimwegen deponierten Wertsachen für eine fatale Bewandnis hatte. Auch der Wert seiner Gemäldesammlung wird angefochten. Notorische Tatsache ist es endlich, daß es ihm beim Markgrafen von Ansbach und in Leipzig kümmerlich ging. Sogar seine Wohnung in Paris war bescheiden. Aber überraschend ist, daß er sich trotz alledem den Ruf eines reichen Mannes zu geben verstand und daß man es ihm glaubte.

Ein weiteres Rätsel, das seine Person bot, war endlich der Umstand, daß er dauernd unter fremdem Namen auftrat, obwohl er den eines Grafen Saint-Germain, unter dem er auf die Nachwelt gekommen ist, bevorzugte[26]. Dieser dauernde Namenswechsel scheint durch seinen abenteuerlichen Wandel hinreichend begründet. Aber es ist bezeichnend für ihn, daß er auch dafür eine geheimnisvolle Erklärung zu geben wußte. Der Ansbacher Minister von Gemmingen hat es uns überliefert. Danach handelte es sich um einen großen Unbekannten, der die Beweise seiner Abkunft in Händen hatte, der ihn verfolgte, vor dem Saint-Germain sich verbergen mußte. Und nur eine weitere Ausschmückung dieses Märchens ist es, wenn er im Elternhause der Frau von Genlis erzählte, daß er als siebenjähriger Knabe flüchten mußte, da ein Preis auf seinen Kopf gesetzt war.

Man sieht: es fehlt kein Zug, um das Bild des Abenteurers vollständig zu machen. Alles ist vorhanden: die rätselhafte Abstammung, der große Unbekannte, der ihn verfolgt, die unbekannte Schöne, der fabelhafte Reichtum. Dazu treten alle die Wunder, die sich mit dem Namen des „berühmten Alchimisten“ verbanden. Er hat den „Stein der Weisen“, er kennt das Geheimnis der künstlichen Herstellung des Goldes, er besitzt das Lebenselixier.

Ist es daher verwunderlich, wenn in der späteren Überlieferung, wie bereits in den Aufzeichnungen eines Lamberg und Gleichen, das Geheimnisvolle und Rätselhafte immer mehr das Geschichtliche der gleichzeitigen Berichte überwuchert? Denn wir hören später kaum noch von allen seinen gewerblichen Künsten, wie der Färbkunst, der Lederbehandlung, die doch das Hauptfeld seiner Tätigkeit ausmachten. Statt dessen ist er ein Goldmacher. Und noch größeren Spielraum bot sein Lebenselixier der menschlichen Phantasie. Da wird er zum Zeitgenossen Christi, und eine Lady Craven, die ihn nur von Hörensagen kennt, malt nun in ihren Denkwürdigkeiten die Fabel immer weiter aus, indem sie dieselbe mit allerlei barocken Einfällen verziert. Da das Lebenselixier andrerseits die Wirkung des Jungbrunnens in sich schließt, so entsteht die Geschichte von der diebischen Kammerzofe, die sich an dem Elixier vergreift, das ihre Herrin um teures Geld erstanden hat, und die nun infolge der genossenen allzu starken Dosis wieder ein kleines Kind wird. Aus der einen Zofe im London Chronicle (bei Grosley) und bei Gleichen macht dann der Fälscher der „Erinnerungen der Marquise von Créquy“ mit drastischer Übertreibung deren zwei. Und den Höhepunkt erreicht der Spaß bei Lamberg mit der alten Frau, die sogar wieder zum Embryo wird.

Indem wir die gleichzeitigen Urkunden, die von ihm erzählen, und die späteren Aufzeichnungen, die über ihn entstanden sind, im folgenden zusammenstellen, tritt uns zum erstenmal das geschichtliche Bild des abenteuerlichen Betrügers entgegen. Zugleich gestattet aber dieser Überblick, den Prozeß der allmählich einsetzenden und von ihm selbst mit Geschick genährten Legendenbildung zu verfolgen, durch die er zum „berühmten Alchimisten“ ward, als der er bis auf unsere Tage fortlebt. —

Um den streng historischen Charakter des Buches zu wahren, ist grundsätzlich davon Abstand genommen, rein literarische Erzeugnisse zu berücksichtigen. Dahin gehören z. B. die phantasievollen Schilderungen von Besuchen Saint-Germains in Wien, am Hofe Karl Augusts in Weimar, am Hofe der Königin Maria Antoinette, wie sie Franz Gräffer in seinen „Kleinen Wiener Memoiren“ (Wien 1845) bringt, A. v. d. Elbe in der Erzählung „Brausejahre“ („Gartenlaube“, Jahrg. 1884) oder der Romanschriftsteller Etienne Léon de Lamothe-Langon in den anonym herausgegebenen „Souvenirs sur Marie Antoinette et sur la cour de Versailles par Madame la comtesse d’Adhémar, dame du palais“ (Paris 1836); denn, um dies ausdrücklich zu betonen, die Gräfin d’Adhémar ist nachweislich keine historische Persönlichkeit, sondern das reine Erzeugnis dichterischer Phantasie. So hat auch die einzige bisher vorliegende Biographie des Abenteurers, das unvollendet gebliebene Werk der Theosophin J. Cooper-Oakley: „The comte de Saint-Germain“ (Mailand 1912) keinen Anspruch auf wissenschaftliche Bedeutung, da sie kritiklos auch aus jenen Darstellungen schöpft und die Märchen der angeblichen Gräfin d’Adhémar als historische Begebnisse erzählt; der Wert ihres Buches beruht allein auf ihren Mitteilungen aus fremden Archiven.

Für die Fülle neuer Aufschlüsse, die mir zahlreiche Archive und Bibliotheken, zumal in Berlin, Wien und Wolfenbüttel gewährten, bin ich der Leitung derselben zu großem Dank verpflichtet. Ferner möchte ich an dieser Stelle auch Herrn Notar Langeveld im Haag meinen aufrichtigen Dank für die liebenswürdige Unterstützung aussprechen, die er meiner Arbeit geliehen hat.

ERSTER TEIL
ALLGEMEINE DARSTELLUNGEN, ANEKDOTEN UND FÄLSCHUNGEN

AUS DEN „ERINNERUNGEN“ DES BARONS VON GLEICHEN[27]

Bei meiner Rückkehr nach Paris im Jahre 1759[28] besuchte ich die Witwe des Chevalier Lambert, eine alte Bekannte. Nach mir sah ich einen mittelgroßen, sehr stämmigen Mann eintreten, der mit gesuchter, prächtiger Einfachheit gekleidet war. Er warf Hut und Degen auf das Bett der Hausfrau, setzte sich auf einen Lehnstuhl am Kamin und unterbrach den gerade redenden Herrn mit den Worten: „Sie wissen nicht, was Sie reden. Für diese Frage bin ich allein zuständig. Ich habe sie erschöpft, so gut wie die Musik, die ich aufgegeben habe, weil ich bis zur äußersten Grenze gelangt war.“