Aber Saint-Germain war kein Kabbalist. In allen gleichzeitigen Nachrichten findet sich dafür keinerlei Anhaltspunkt.
Für die weitere Frage, welche Stellung er zum Freimaurertum einnahm, bringt die von uns mitgeteilte maurerische Korrespondenz des Prinzen Friedrich August von Braunschweig, der Großprior der Logen in Preußen war, reichen Aufschluß. Im Kreise dieses Prinzen bildete Saint-Germain während seines Leipziger Aufenthalts den Gegenstand größter Aufmerksamkeit. Sehen wir auch von dem Bankier Dubosc ab, der in dem „rätselhaften Mann“ nur einen Betrüger erblicken wollte, so stimmen sowohl der sächsische Minister von Wurmb, der ihm ernstlich „den Puls fühlte“, wie Bischoffwerder, der von dem Prinzen ausdrücklich um seine Ansicht angegangen wurde, in dem Urteil überein: „Er ist keiner der Unsrigen“ — ein Urteil, dem auch der Rosenkreuzer Frölich aus Görlitz, ein Schüler Schrepfers, mit den Worten beipflichtete: „Er ist kein Maurer; er ist auch kein Magus, auch kein Theosoph[20].“ Ähnlich wie diese, suchte 1778 Dresser, der vier Jahre lang Meister vom Stuhl in der Hamburger Loge Georg gewesen war, das Geheimnis jenes seltsamen Fremden zu ergründen[21]. Aber Saint-Germain hielt sich allem maurerischen Treiben fern, obwohl er als Mitglied der Straßburger Loge „de la Candeur“ (1776) bezeichnet wird[22] und selbst zugab, den vierten Grad zu besitzen. Ja, er machte kein Hehl aus seiner Gleichgültigkeit[23]. Danach kann von einer führenden Rolle, die er in der Freimaurerei gespielt haben soll, nicht gesprochen werden!
Saint-Germains Persönlichkeit und die Legendenbildung.
Obwohl seine Künste und Geheimnisse, wie wir sahen, im ganzen recht zweifelhafter Art waren, hat sich Saint-Germain doch einen Namen zu erwerben gewußt, der seinen Tod überdauerte. Worin liegt das Rätsel seines Erfolges?
Zusammenfassend dürfen wir sagen: in dem Zauber seiner Persönlichkeit. Nicht, daß in seiner Natur etwas Dämonisches lag, das die Menschen wie mit übernatürlicher Gewalt in seinen Bann zwang. Ganz anderer Art war die Macht, die er ausübte. Er war ein glänzender Gesellschafter, der die Menschen anzuziehen wußte. Er besaß die Gabe fesselnder Unterhaltung; man lauschte ihm gern, wenn er von seinem Leben, seiner Jugend, seinen Reisen, wenn er von den Wundern der Welt erzählte. Er bestrickte die Hörer, denn er sprach mit Eifer und Begeisterung. Er besaß, so berichtet Alvensleben, „eine hervorragende Redegabe“, oder wie Yorke es nennt, „Zungenfertigkeit“. Als der preußische Gesandte ihn stellen wollte, entglitt ihm Saint-Germain, indem er den Offenherzigen zu spielen vorgab, aber mit vielen Worten nichts zu sagen verstand. Dabei liebte er die Debatte, spie aber Feuer und Flamme gegen den, der ihm zu widersprechen wagte. Stieß er hingegen auf ernsten Widerstand, so gebrauchte er die Taktik rechtzeitigen Schweigens.
Dabei verstand er in ungewöhnlichem Maße, sich seiner Umgebung anzupassen. Genau sah er sich die Menschen an, mit denen er zu tun hatte. Schnell fand er heraus, was er ihnen bieten durfte. Den dummen Gläubigen band er dreist seine Lügen auf, während er sich den Klugen gegenüber zurückhielt. Da ließ er nur durchblicken, was er offen zu sagen sich nicht getraute. Zumal liebte er das Spiel mit halben Worten, die die Phantasie des Hörers anregten. Das gelang ihm um so leichter, als seine dunkle Kunst, deren er sich rühmte, unwiderstehlichen Reiz auf die Menschen übte.
So besaß er in hohem Grade die Kunst der Menschenbehandlung. Und so war es ihm möglich, in die hohen Kreise zu dringen, die der Mehrzahl der schlichten Menschen verschlossen sind. Was aber noch weit mehr besagen wollte, er wußte sich dort auch zu behaupten. Unbestreitbar spielte er am Hofe Ludwigs XV. eine Rolle, bis das Haager Abenteuer ihm das Genick brach. Trotzdem gelang es ihm später, noch zu anderen Fürsten in nähere Beziehung zu treten, wie der Ansbachische Markgraf, der Hessische Prinz, der ihm seine Huld bis zu seinem Tode bewahrte. Einen Grafen Cobenzl, der eine hohe Staatsstellung bekleidete, wußte er sogar derart zu bestricken, daß dieser von ihm rühmte: „Er ist Dichter, Musiker, Schriftsteller, Arzt, Physiker, Chemiker, Mechaniker und ein gründlicher Kenner der Malerei. Kurz, er hat eine universelle Bildung, wie ich sie noch bei keinem Menschen fand[24].“
Man würde irren, wollte man ihm jedes Wissen und alle Kenntnisse abstreiten. Ernsthafte Zeugen sind es, die zu seinen Gunsten aussagen. „Er ist ein hochbegabter Mann mit sehr regem Geiste,“ so schildert ihn Alvensleben[25]. Zugleich aber nennt er ihn „urteilslos“, „maßlos eitel“ und kriecherisch. Eitelkeit sei die Triebfeder, die seinen Mechanismus in Bewegung setze. Wir hören ferner, daß er mit seiner angeblichen hohen Herkunft zu prahlen liebte. Er vermaß sich zu dem Ausspruch: „Ich halte die Natur in meinen Händen, und wie Gott die Welt geschaffen hat, kann auch ich alles, was ich will, aus dem Nichts hervorzaubern.“
Seine „Gauklerkünste“, so bezeugt wiederum Alvensleben, öffneten ihm die Häuser der Großen. Aber sie dienten ihm auch dazu, die Menschheit auszubeuten. Wir wundern uns daher nicht, ihm ebenfalls im Salon der Marquise von Urfé, den ja auch sein Bildnis schmückte, mit einem Schwindler vom Schlage Casanovas zu begegnen, ein würdiges Paar, das gleichmäßig die dem Wunderglauben ergebene Dame schröpfte, während er doch sonst die Welt mied, in der ein Casanova und Cagliostro sich bewegten.
Von diesen unterscheidet ihn auch die Tatsache, daß die Frauen in seinem Leben keine Rolle spielten, mag er auch, wie Gleichen erwähnt, der Tochter eines Chevalier Lambert in Paris den Hof gemacht und, wie Hardenbroek als Gerücht verzeichnet, die Absicht geäußert haben, sie zu heiraten. Noch fraglicher erscheint, ob jene unbekannte Dame in Amsterdam, von der Grosley so geheimnisvoll erzählt, überhaupt je etwas mit ihm zu tun hatte. Und mit allen übrigen Berichten über sein Ende steht die Angabe Gleichens in Widerspruch, daß Saint-Germain sich in seinem letzten Lebensjahr „wie ein zweiter Salomo“ von Frauen pflegen und hätscheln ließ und in ihren Armen gestorben sei.