Fassen wir das oben Gesagte zusammen. Mochte auch Saint-Germain in seinem mehrfach genannten Briefe an Graf Lamberg sich des Besitzes des „Steines der Weisen“ rühmen — ein „Adept“ war er nicht. Das Geheimnis der künstlichen Herstellung des Goldes besaß er nicht. Als Taschenspielerei erscheint denn auch die Probe dieser Kunst, die er vor Casanova in Tournai ablegte. Seine übrigen Arbeiten auf dem Gebiete der Metallverwandlung und -veredlung, die in das Gebiet der Alchimie gehören, waren nach sachkundigem Urteil minderwertige Leistungen. Was er als „Lebenselixier“ ausgibt, stellt sich als ein recht harmloses Rezept dar.
Nicht besser war es um seine Geheimnisse und Geheimverfahren bestellt, die sich auf das Wirtschaftsleben erstreckten.
Auf ihnen liegt, wenn wir sein Leben überblicken, der eigentliche Schwerpunkt. Ihre Ausbeutung war das Hauptziel seiner Tätigkeit. Sein großer Gaunerstreich von Tournai zeigt jedoch, daß es ihm dabei nicht auf ehrlichen Erwerb und Gewinn ankam. Damit gehört er zu der großen Heerschar der Industrieritter, die das 18. Jahrhundert unsicher machten, vor denen König Friedrich seine Nachfolger in seinem politischen Testament von 1752 mit besonderem Nachdruck warnte.
Mochte er sich immerhin auf die Kunst verstehen, fehlerhafte Diamanten von ihren Flecken zu befreien — das ändert nichts an dem Bilde des Abenteurers, unter dem uns sein Leben und Treiben erscheint.
War Saint-Germain Freimaurer und Kabbalist?
Während des Mittelalters und noch in der neueren Zeit spielte neben der Alchimie die Geheimlehre der Kabbalisten eine bedeutsame Rolle. Die jüdische „Kabbala“, d. h. die überkommene Lehre, war ursprünglich ein Geheimwissen, das sich mit der Lehre vom Göttlichen und von der Schöpfung beschäftigte. Doch näherte sie sich dann immer mehr der Magie, die sich des Besitzes übernatürlicher Kräfte rühmte. Das große Ziel war der Einblick in die Zukunft. Dazu diente ihr als Hilfsmittel die Punktierkunst; Zahlen, Worte und Buchstaben erhalten geheime Bedeutung. Im Mittelalter blühte die Kunst der Kabbala gleich der der Alchimie in Spanien, um sich ebenfalls von dort über Europa zu verbreiten.
Ein ähnlicher Vorgang wiederholte sich in der Freimaurerei. Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vollzog sich in ihren europäischen Logen eine Bewegung, die über das alte Ziel der Förderung der Humanität in Gesinnung und Betätigung hinausgriff. Auch hier erfolgte eine Wendung zum Mystischen. Das Freimaurertum behauptete, das Geheimwissen der Templer, das der Welt mit dem Untergange des Ordens verloren gegangen war, im Orient wieder erlangt zu haben, und es erhob daraufhin den Anspruch, in den höheren Graden die Geheimnisse der Magie zu enthüllen.
Als Freimaurer trat der berüchtigte Graf Cagliostro auf. Aber er erfand ein eigenes System, das er als ägyptische Freimaurerei bezeichnete. Neben alchimistischen Künsten betrieb er auch die Geisterbeschwörung. Als sein Lehrer und Meister wird Graf Saint-Germain angegeben, jedoch mit Unrecht; denn dazu stempeln ihn erst die „Mémoires authentiques pour servir à l’histoire du comte de Cagliostro“, eine Fälschung aus der Feder des Marquis de Luchet, die nach Saint-Germains Tode 1785 anonym erschien. Luchet stand als Geheimer Rat im Dienste des Landgrafen von Hessen-Kassel. Er war ein überzeugter Gegner aller freimaurerischen Bestrebungen, und so schrieb er diese „Denkwürdigkeiten“, die sich als derbe Verspottung des Freimaurertums kennzeichnen. Er läßt Cagliostro mit seiner als Marquise eingeführten Gattin seine Fahrt in die Welt antreten. Dieser beschließt, da er sich für Paris, die Hochburg des Abenteurertums, noch nicht reif fühlt, nach einem mißglückten Debut in Wien sich in Rußland für seine Laufbahn vorzubereiten. Um sie würdig zu beginnen, läßt er sich zuvor mit seiner Frau in Schleswig vom Grafen Saint-Germain die Weihe erteilen. Daß diese Zeremonie in höchst grotesker Form vor sich geht, ist nach der Tendenz der Schrift selbstverständlich. Die von dem bekannten Schriftsteller Melchior Grimm geleitete „Correspondance littéraire“ verfehlte nicht, vor diesen „Denkwürdigkeiten“ mit ihren „entweder falschen oder waghalsigen Anekdoten“ zu warnen.
Noch in einem zweiten Buche, das einige Jahre später und gleichfalls anonym erschien, zog Luchet gegen Saint-Germain zu Felde, und zwar in einer politischen Streitschrift gegen den im Jahre 1776 aus idealen Beweggründen gestifteten Illuminatenorden, den er gefährlicher, umstürzlerischer Pläne bezichtigte. Auch hier wird Saint-Germains Geheimwissen, mit dem er die Welt, zumal die Großen, zu fangen suchte, mit Spott und Hohn überschüttet.
Durch diese „Denkwürdigkeiten“ ist zu erklären, daß Cagliostro, der den Grafen Saint-Germain wahrscheinlich niemals gesehen hat, mit diesem in Verbindung gebracht ward, um fortan als sein Schüler zu gelten.