Saint-Germains Künste und Geheimnisse

Für die Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts bildet die von uns zum erstenmal veröffentlichte Liste seiner Kunstfertigkeiten, die er 1777 für den Preußenkönig aufsetzte, ein Dokument ersten Ranges; denn in authentischer Form findet sich darin ein Überblick über seine ganzen Künste.

Den breitesten Raum nehmen in der Liste seine geheimen Mittel ein, die zur praktischen Verwertung in der Industrie bestimmt waren. Hier behaupten seine Farben und Färbmittel den Vorrang. Sie bildeten ganz offenbar seine Spezialität, auf die er reiste; denn schon von seinen Aufenthalten in Frankreich, in Brüssel, Moskau und Schwabach sind sie uns wohlbekannt. Ebenso kennen wir von Tournai her seine Kunst der Lederbearbeitung. Dazu kommen neue Verfahren zum Waschen von Seide, zum Bleichen von Leinewand, Baumwolle usw.

Eine zweite Kategorie bilden seine Geheimverfahren für Metalle. Zwar war das nicht die Goldmacherei, wie sie das heißerstrebte Ziel der Alchimisten bildete, aber man gab sich in der Alchimie auch schon mit bescheideneren Erfolgen zufrieden; man begnügte sich statt der Metallveredlung mit der Metallverwandlung und brachte auf diese Weise Mischungen und Kompositionen zuwege, wie das in unseren Urkunden öfter erwähnte Similor, ein Erzeugnis, von dem freilich Graf Kaunitz nichts wissen wollte. Von den Künsten Saint-Germains auf diesem Gebiete erzählt auch der Ansbacher Minister, aber doch nur in allgemeinen Andeutungen, die keine sicheren Schlüsse auf sein Geheimverfahren gestatten.

An dritter Stelle steht sein „Lebenselixier“. Zwar hütet er sich in seiner Liste für König Friedrich wohlweislich, sein Präparat mit diesem Namen zu bezeichnen. Worin bestand es und worauf lief es hinaus? Es handelt sich um einen noch heute unter dem Namen des Grafen gehenden Tee, den sog. „Saint-Germain-Tee“, dessen Hauptbestandteil Sennesblätter bilden und der eine abführende Wirkung hat. Dieser Tee hatte seine Bedeutung in dem System, nach dem Saint-Germain lebte. Er befolgte in seiner Lebensweise, in seiner Ernährung eine strenge Diät, an der er beharrlich festhielt, die im weiteren Verfolg denn auch dazu beitrug, seiner Person den Anschein des Besonderen und Ungewöhnlichen zu geben.

Endlich rühmte er sich auch des Geheimnisses, auf künstlichem Wege Edelsteine herstellen zu können. So erzählt er in seinem Briefe an Graf Lamberg von einem großen Diamanten, den er mit dem Grafen Zobor zusammen nach vielem Bemühen hervorgebracht habe. Aber dieser Diamant spielt eine Rolle nur in der lügenhaften Erzählung, die er von seiner angeblichen Verhaftung im Jahre 1760 gibt. Danach sind wir berechtigt, auch seinen Bericht von der künstlichen Herstellung von Diamanten anzuzweifeln.

Anders steht es offenbar mit der ihm ebenfalls zugeschriebenen, aber in der Liste von 1777 nicht angeführten Kunst, Flecken aus Diamanten zu entfernen. Zwar sind dafür die von Madame du Hausset und Casanova und von dem Prinzen von Hessen berichteten Beispiele noch immer keine einwandfreien Beweise. Aber wenn der Schweizer Pictet dem französischen Diplomaten Corberon erzählt, sein Schwiegervater Magnan, ein Diamantschleifer, habe alle Diamanten mit irgendwelchen Flecken für Saint-Germain zurückgelegt, so ist das ein Zeugnis, das sich nicht einfach von der Hand weisen läßt, und das zweifellos zu Saint-Germains Gunsten spricht. Auch die Kunst, Perlen zu vergrößern und ihnen ein schönes Wasser zu geben, wollte ihm der berühmte Arzt und Nationalökonom Quesnay, wie Madame du Hausset erzählt, nicht abstreiten.

Nikolaikirche in Eckernförde. Saint Germains Grabstätte

Mit den oben angeführten Mitteln ist die Liste seiner Kunstfertigkeiten von 1777 noch nicht erschöpft. Flüchtig deutet er ferner auf seine Kunst der Herstellung von Ölen, Likören, kosmetischen Mitteln, der Weinveredlung, auf Geheimmittel für die Landwirtschaft. Damit erscheint er als ein Mann von staunenswerter Vielseitigkeit. Aber was soll man dazu sagen, wenn es in Nr. 25 der Liste heißt: „Herstellung anderer nützlicher Dinge, über die ich schweige.“ Und ferner am Schluß: „Über einen weiteren Punkt kann hier aus mancherlei Gründen nichts gesagt werden. Er bleibt vorbehalten.“ Das war nichts anderes als die Sprache des Marktschreiers!