Auf den Bericht, den Kaunitz der Kaiserin Maria Theresia erstattete, lehnte diese die Übernahme des Unternehmens rundweg ab, und dieses ging nunmehr in die Hände der Madame Nettine über, die sich schon vorher damit einverstanden erklärt hatte. Cobenzl erteilte daraufhin dem Grafen Saint-Germain sofort den Laufpaß. Bevor dieser Tournai verließ, gab er der Nettine die Zusicherung, binnen wenigen Monaten werde er ihr die Auslagen zurückerstatten. Andernfalls, so fügte er mit blutigem Hohne hinzu, möge sie sich von seinen Geheimmitteln bezahlt machen.

Damit entpuppte sich sein ganzes Unternehmen als raffiniert angelegtes Schwindelmanöver. Er war als gemeiner Betrüger entlarvt, der, nachdem er die Opfer in sein Netz gelockt, sie listig zu rupfen gewußt hatte. Mit seiner Beute verschwand er alsbald aus Brüssel, um sich, wie es hieß, nach Deutschland zum Markgrafen Karl Friedrich von Baden-Durlach zu begeben. Tatsächlich aber scheint er den Weg nach Rußland eingeschlagen zu haben, wo er, wie wir schon hörten, sich in Moskau niederließ.

Ausgang

Auch die nächsten zehn Jahre sind wieder in Dunkel gehüllt. Doch scheint Saint-Germain während dieser Zeit zunächst in Rußland und dann vornehmlich in Italien geweilt zu haben; denn wir hören, daß er in Mantua, in Venedig, in Pisa und Livorno gewesen ist. Dann tauchte er in Deutschland auf.

Aber Saint-Germains Auftreten ist doch ein anderes geworden. Von seinen Reichtümern ist nicht mehr die Rede; im Gegenteil, es geht ihm offenbar dürftig. Er sucht nicht mehr die große Welt, sondern eine stille Stätte, wo er, in sicherem Hafen gelandet, das Haupt zur Ruhe legen, den Abend seines Lebens verbringen darf. Doch darin bleibt er sich getreu, daß er nach wie vor sein geheimes Wissen als Aushängeschild benutzt, daß er es auf die Großen der Welt abgesehen hat.

Freilich ist hier die Art seines Vorgehens verschieden. Indem er den scheinbar Uneigennützigen spielt, gebärdet er sich als Wohltäter der Menschheit unter dem durchsichtigen Namen Welldone, den er sich nunmehr beigelegt hat. So verfuhr er gegenüber dem großen Preußenkönig, dessen scharfer Blick indessen den Schwindel sofort durchschaute. König Friedrich winkte ihm energisch ab, als Saint-Germain ihm mit einem Begleitschreiben — der einen von den drei uns erhaltenen Schriftproben seiner Hand — sozusagen seine Preisliste einschickte. Er ließ ihm sagen, er möchte anderswo sein Heil versuchen, da man in Berlin „sehr ungläubig“ sei. Mehr Glück hatte Saint-Germain, als er den „Adepten“ herauskehrte und sich an Fürsten wandte, die alchimistischen Neigungen huldigten. So bei dem Markgrafen Alexander von Ansbach, dem er 1774 durch dessen mütterliche Freundin, die Schauspielerin Clairon, vorgestellt wurde, und dann 1779 bei dem Prinzen Karl von Hessen in Schleswig, dem er sich zunächst aufdrängte, den er aber dann in seine Fesseln zu schlagen wußte.

In rückschauender Erinnerung hat der Ansbacher Minister, Freiherr von Gemmingen, seinen Bericht über Saint-Germains Aufenthalt im Ansbachischen, in Schwabach und Schloß Triesdorf, aufgesetzt[19]. Ein typisches Bild: der „Adept“ und sein fürstlicher Schüler im Laboratorium an der Arbeit. Oder er weilt in den ihm zugewiesenen Räumen, über seinen Farben-Rezepten brütend, an deren Vervollkommnung er hinter verschlossenen Türen und Fenstern unablässig arbeitet. Dazwischen fallen praktische Versuche, die er gemeinsam mit dem Fürsten und dessen Minister anstellt, deren Ausfall den letzteren freilich wenig befriedigt. Zwei Jahre vergingen so, während deren Saint-Germain das Geheimnis seiner Person sorgsam gewahrt hatte, bis dann der Fürst auf einer italienischen Reise über die Person seines seltsamen Gastes aufgeklärt wurde. Der Markgraf fühlte sich hintergangen. Dennoch wollte er dem Grafen das Asyl weiter gewähren, wenn dieser ihm die Briefe, die er im Lauf der Jahre an ihn gerichtet hatte, herausgab und sich still verhielt. Aber Saint-Germain, der sich entlarvt sah, zog es vor, den Stab weiter zu setzen. Wollte er sich ob aller fehlgeschlagenen Versuche rechtfertigen oder dem Fürsten den Verlust, den er mit seinem Scheiden erlitt, eindrucksvoll vor Augen führen? Genug, in der letzten großen Aussprache mit dem Minister drückte er sein Bedauern aus, daß gerade in diesem Augenblicke der Bruch eingetreten sei, wo er, Saint-Germain, im Begriffe gestanden habe, „das, was er versprochen, ins Werk zu setzen.“

Im Oktober 1776 traf er in Leipzig ein. Der sächsische Hof machte einen Versuch, ihn zu gewinnen. Doch es kam zu keiner Verständigung; vielmehr beklagte sich Saint-Germain bei dem preußischen Gesandten in Dresden bitter über die unfreundliche Aufnahme, die er in Sachsen gefunden hatte, und trug nun seine wertvollen Dienste dem Preußenkönig an. Wir hörten es schon, Friedrich dankte ironisch. Trotzdem scheint Saint-Germain sich damals nach Berlin begeben zu haben, wo er ein Jahr in stiller Zurückgezogenheit lebte.

Im Herbste 1778 begegnen wir ihm in Hamburg, und ein Jahr darauf, im Spätsommer 1779, erfolgte endlich seine Übersiedlung nach Schleswig. Prinz Karl von Hessen, sein neuer Gönner, hat in seinen Erinnerungen geschildert, wie Saint-Germain ihn in seine Geheimnisse einführte. In dem nahegelegenen Eckernförde wurde dann ebenfalls wie in Tournai seligen Angedenkens der Versuch gemacht, mit seinen Geheimmitteln, den Farben und Farbstoffen, eine Industrie zu begründen.

Während der Prinz sich auf Reisen befand, ist Saint-Germain, von düsterer Melancholie gequält und von Gewissensbissen heimgesucht, so erzählt Frau von Genlis, still und einsam, wie er das letzte Jahrzehnt seines Lebens verbracht hatte, am 27. Februar 1784 in Eckernförde gestorben. Drei Tage darauf, am 2. März, erfolgte seine Beisetzung in der dortigen Nikolaikirche; doch ist nicht mehr zu ermitteln, an welcher Stelle in der Kirche sich seine Grabstätte befindet. Mit der Nikolaikirche bildet das alte Fabrikgebäude, heute das Christianspflegehaus, die letzte sichtbare Erinnerung an Saint-Germains dortigen Aufenthalt.