Und doch hat Saint-Germain, wie sich aus unseren bisher noch unbekannten Quellen ergibt, den heiligen Boden Rußlands betreten — zwar nicht als Verschwörer und politischer Abenteurer, wie er es darstellen möchte, sondern als schlichter Kaufmann, der aus seinen schönen Erfindungen Kapital schlagen wollte. Gleichwie in Frankreich waren es seine Farben, mit denen er sein Glück versuchte. In einer Kattunfabrik in Moskau war er tätig, aber mißgünstig wandte ihm Fortuna den Rücken, so daß er bettelarm die Stätte seines neuen Wirkens verlassen mußte. Voll Mitleid las ihn, den fußkrank und mühselig des Weges Dahinziehenden, der Schweizer Hotz von der Straße auf, wie er es hernach 1777 in Leipzig, wo er Saint-Germain wieder traf, erzählte[17]. Aber dieser russische Aufenthalt bildete für Saint-Germain doch keinen völligen Fehlschlag. Er wollte ein Bergwerk entdeckt haben, das schöne, den Topasen ähnliche Halbedelsteine lieferte und dessen Ausbeutung ihm zustand. Seitdem trug er sich mit dem Gedanken, daraus einen ertragreichen Handelszweig zu machen, ohne daß er freilich für seine Pläne viel Glauben und Entgegenkommen fand[18].
Aller Wahrscheinlichkeit nach fällt diese russische Episode in die Zeit zwischen dem Abenteuer von Tournai, zu dem wir uns nunmehr wenden, und dem Ausbruch des Türkenkrieges.
Das Abenteuer von Tournai
Zu Anfang des Jahres 1763 kam Saint-Germain, der, wie erwähnt, sich inzwischen in Holland angekauft und sich den Beinamen Surmont zugelegt hatte, nach Brüssel, wo er die Bekanntschaft des Grafen Karl Cobenzl, des bevollmächtigten Ministers der österreichischen Niederlande, machte und sie geschickt auf seine Weise ausbeutete. Erst durch die von uns erschlossene Korrespondenz Cobenzls mit dem Hof- und Staatskanzler Graf Kaunitz sind wir über diese Episode aus dem Leben Saint-Germains aufs Zuverlässigste unterrichtet. Sie war bisher fast völlig unbekannt.
Sofort fand Cobenzl an der Unterhaltung mit Saint-Germain Gefallen. Geschickt wußte dieser das Gespräch auf seine alchimistischen Kenntnisse zu bringen; er führte ihm einige Experimente vor und begann von Millionengewinnen zu erzählen, die sich mit seinen Geheimmitteln erzielen ließen. In heller Begeisterung ging Cobenzl darauf ein, um so mehr, als Saint-Germain versicherte, „aus reiner Freundschaft“, nur gegen eine kleine Belohnung, seine Geheimnisse hergeben zu wollen. In der Besitzerin des Brüsseler Handlungshauses, Madame Nettine, die in freudigem Enthusiasmus mit ihm wetteiferte, fand Cobenzl die Persönlichkeit, die mit den erforderlichen Geldmitteln zur Begründung des Unternehmens einsprang. Kaunitz suchte den Eifer zu dämpfen; er warnte vor großen und vorzeitigen Ausgaben. Und um seinen Worten erhöhtes Gewicht zu geben, schickte er ein anekdotisches Portrait mit, das von einem Kundigen, der Saint-Germain von Paris her kannte, in recht düsteren Farben entworfen war.
Cobenzl, der im Banne Saint-Germains und seines großen Planes stand, war nicht gesonnen, sich Wasser in seinen Wein gießen zu lassen. Er überhörte die Warnung und erklärte leichthin, auf die Person komme es nicht an, wofern man nur in den Besitz der Geheimmittel gelange. Diese betrafen ein billiges Herstellungsverfahren für Farben und Farbstoffe, für gefärbte Hölzer, das Gerben und Färben von Fellen, die Herstellung eines goldähnlichen Metalls, die Raffinerie von Ölen und die Anlage einer Hutfabrik.
Doch eine unliebsame Überraschung folgte der anderen. Zunächst handelte es sich um die Einsendung von Proben; es waren Färbmittel, gefärbte Hölzer, Leder- und Metallproben. Bei der Prüfung durch Sachverständige, die Kaunitz vornehmen ließ, stellte sich heraus: die Farben waren minderwertig; sie standen mit einer Ausnahme hinter den in Österreich hergestellten zurück, geschweige denn, daß sie den Vergleich mit den englischen und französischen Fabrikaten aushielten. Ja, die Farbenskala war nicht einmal vollständig, da Blau und Grün fehlten. Und es war auch nur ein magerer Trost, wenn Saint-Germain verhieß, daß er für seine Farben das verlangte billige Herstellungsverfahren noch finden werde. Ebensowenig taugten die Holz- und Metallproben, während lediglich das Urteil über das Leder günstiger ausfiel.
Eine zweite Enttäuschung bildete der Anschlag des Unternehmens. Saint-Germain, der den Riesenerfolg auf die billige Herstellung der Fabrikate gründete, begnügte sich mit einer Gegenüberstellung der hohen alten und der billigen neuen Preise, bei denen der Unterschied allerdings mehrere 100 Prozent ausmachte. Aber da jede weitere Unterlage, wie z. B. der Überschlag des zu erwartenden Absatzes, fehlte, so schwebte der ganze Anschlag in der Luft.
Eine dritte Enttäuschung war, daß trotz der Warnungen aus Wien mit der Ausführung des Planes in Tournai bereits begonnen, Häuser und Geräte bereits gekauft waren. Es stellte sich heraus, daß die Ausgaben schon die artige Summe von 100000 Gulden betrugen. Dabei waren noch keinerlei Rohstoffe beschafft, noch keine Gelder für die Arbeitslöhne angewiesen!
Wie hatte alles so schnell und so weit gedeihen können? Es war das Werk Saint-Germains. Solange der Plan des ganzen Unternehmens nur auf dem Papier stand, mußte er befürchten, daß alles zu Nichts zerrann, sobald man von Wien aus ein Veto einlegte. Also drang er — „mit äußerstem Eigensinn“, wie Cobenzl vorwurfsvoll bemerkt — auf schnelle Inangriffnahme der Ausführung. Und da Madame Nettine vorschoß, ging alles flott vonstatten. Damit saß der Gimpel auf der Leimrute fest, denn es gab kein Zurück mehr oder nur unter schweren Verlusten. Doch bald kam es anders, als Cobenzl ursprünglich gedacht hatte. Von einer Hergabe der Geheimnisse, die „aus reiner Freundschaft“ oder nur gegen eine kleine Belohnung erfolgen sollte, war nicht mehr die Rede. Im Gegenteil, es wurde ein Kontrakt geschlossen, der dem Grafen Saint-Germain die Hälfte des Reingewinns sicherte. Also kein unrentables Geschäft, wenn das Unternehmen aufblühte! Doch es lag immerhin in einiger Ferne. Saint-Germain indessen zog nach dem Wort der Bibel den Spatzen in der Hand der Taube auf dem Dache vor. Mit Hilfe eines Geschäftsfreundes aus Nimwegen, der bezeugte, dem Grafen gehörige Wertsachen im Betrage von mindestens einer Million im Depot zu haben, erschwindelte er sich von Madame Nettine Vorschüsse, die von seinem künftigen Anteil am Reingewinn abgezogen werden sollten. Die Wertpapiere waren in Wirklichkeit fast wertlos, die gutgläubig darauf geleisteten Vorschüsse aber — und das war eine neue bittere Enttäuschung — beliefen sich ebenfalls auf rund 100000 Gulden. Damit stieg die Summe der bereits gemachten Aufwendungen auf 200000 Gulden, ohne daß die geringste Sicherheit für Erfolg bestand, von den Millionengewinnen ganz zu schweigen.