„Eine vornehme Dame wollte die Probe machen. Als gefallsüchtige Frau sah sie mit Schmerz, daß die Jahre ihre Züge zu entstellen begannen. Sie geht zu dem Fremdling und sagt: „Herr Graf, was ich Ihnen sagen werde, wird Ihnen vielleicht etwas wunderlich erscheinen. Aber Sie sind die Gefälligkeit selbst; darum zur Sache. Wie man sagt, besitzen Sie noch etwas Besseres als das Geheimnis, Gold zu machen: die Gabe, die Gebrechen des Alters zu heilen, ja ihnen vorzubeugen. Noch bin ich von ihnen verschont, doch die Jahre gehen hin, und ich möchte nicht warten, bis ich es nötig habe. Reden Sie frei heraus: besitzen Sie diese Art Medizin? Wollen Sie sie mir geben, und unter welchen Bedingungen?“

„Der Unbekannte hüllte sich in geheimnisvolle Zurückhaltung und sagte nur, wer solche Geheimnisse besäße, vermiede es, daß man davon erführe. „Das weiß ich wohl“, entgegnete die Fragerin und versprach ihm Geheimhaltung. Da sagt er zu, und am nächsten Tage bringt er ihr ein Fläschchen von 4 bis 5 Löffeln Inhalt und verordnet ihr, von diesem Elixier zehn Tropfen beim ersten Mondviertel und beim Vollmond zu nehmen. Das Mittel sei ganz harmlos, aber äußerst kostbar, und wenn es vergeudet werde, ließe es sich vielleicht nicht erneuern.

„Die Dame schloß das Fläschchen in Gegenwart ihrer Kammerfrauen ein. Sei es nun, um ihre Schwachheit zu verbergen oder die Neugier ihrer Kammerfrauen abzulenken, sie sagte ihnen, es sei ein Kolikmittel. Am selben Abend bekommt die erste Kammerfrau heftiges Leibschneiden. Sie geht an das Fläschchen, öffnet es, hält es an die Nase, kostet es, und da sie den Geschmack ebenso köstlich findet wie den Duft, trinkt sie es aus. Das Mittel wirkt ebenso rasch wie sicher. Die Flüssigkeit war wasserhell. Um ihren Diebstahl zu verbergen, füllt sie das Fläschchen mit gewöhnlichem Wasser, in der Hoffnung, daß ihre Herrin nicht so bald Gebrauch davon machen werde; dann sinkt sie in tiefen Schlaf.

„Gegen Morgen kommt ihre Herrin nach Hause, geht in ihr Zimmer, ruft ihre Kammerfrauen zum Auskleiden und blickt die an, die das Fläschchen ausgetrunken hat. „Was machen Sie hier bei mir?“ fragt sie. „Woher kommen Sie?“ Die Gefragte macht statt jeder Antwort eine tiefe Verbeugung. „Nun, was wollen Sie hier?“ fährt die Herrin ärgerlich fort. „Ich habe Sie nicht bestellt. Gehen Sie fort.“ — „Die Gnädige behandelt mich ungewöhnlich streng“, versetzt die Gescholtene. „Ich habe nie meine Pflicht versäumt. Leider war ich eingeschlafen, aber ist das etwas so Schlimmes?“ — „Wollen Sie mir was vormachen?“ entgegnet die Dame. „Ich kenne Sie nicht und habe Sie noch nie gesehen. Ich habe kein so junges Ding in meinem Dienst.“ — Damit klingelt sie und ruft nach Radegonde (so hieß die Kammerfrau, die das Fläschchen ausgetrunken hatte). „Aber hier bin ich ja, gnädige Frau!“ ruft sie aus. „Erkennen Sie mich nicht mehr?“ Sie blickt in den Spiegel und sieht zu ihrer größten Überraschung, daß sie wie ein sechzehnjähriges Mädchen aussieht, obwohl sie 45 Jahre alt ist.

„Ganz Frankreich hat bei diesem seltsamen Ereignis ein Wunder ausgeschrieen. Aber der Fremde war verschwunden, und die unglückliche Dame sah sich dazu verdammt, eine alte Frau zu werden.

„So erzählt man sich die Geschichte in Paris und wird sie wohl noch mehrere Menschenalter erzählen. Hatte der Inhalt des Fläschchens die Fünfundvierzigjährige zur Sechzehnjährigen gemacht? War diese Metamorphose nicht von dem Grafen ins Werk gesetzt? Ich vermag es nicht zu entscheiden.“

Wägt man die Einzelheiten, wie sie London Chronicle angibt, so wird man sie nicht sowohl als Nachrichten über den Grafen Saint-Germain, als vielmehr als Nachrichten von ihm ansehen, die er der englischen Zeitung mitgeteilt hatte, um Nachforschungen zu vereiteln und die für seine Rolle nötige Illusion aufrechtzuerhalten. Diese Rolle war zweifellos die eines Spions in höherem Auftrage, dem seine Auftraggeber die Mittel gaben, durch sein glänzendes Auftreten und seine hohen Ausgaben zu imponieren, wozu dann noch die großen Talente des Grafen traten, die alle zusammengenommen das ausmachten, was die Italiener un gran furbo nennen.

Herr de l’Épine Danican hatte sich ihm während seines Aufenthalts in Frankreich angeschlossen und sich seine sehr ausgedehnten metallurgischen Kenntnisse zunutze gemacht, um die bisher unbekannten Bergwerke in der unteren Bretagne auszubeuten. Derselbe Danican wollte den Grafen von Saint-Germain in einem gut aussehenden Manne wiedererkennen, der zeitlebens im Zuchthause von Brest eingekerkert war, weil er bei Hofe zur Zeit des Attentats[90] auf den König eine Schmähschrift geschrieben hatte, derentwegen er auf Befehl des Ministers lebenslänglich eingekerkert wurde, ein Befehl, den seine Nachfolger bestätigt oder nicht widerrufen haben.

Dieser Mann, den ich 1776 in dem genannten Zuchthause sah, war von guter Figur, imponierendem Äußern und ehrwürdigem Alter. Seine Zelle stieß an einen der Säle des Zuchthauses. Er bekam sein Essen vom Tische des Zuchthausdirektors, ging täglich zur Messe, kommunizierte jeden Sonntag und nannte sich Ludwig von Bourbon. Die Fürsten und Minister, die seitdem nach Brest kamen, haben ihn dort gesehen und gesprochen. In den Denkwürdigkeiten zur Geschichte dieses Jahrhunderts wird er als Doppelgänger des Mannes mit der eisernen Maske[91] dastehen. —

Drei Jahre nach der Niederschrift des Vorstehenden sagte mir ein Holländer, es sei in Holland bekannt, daß der Graf Saint-Germain der Sohn einer zu Anfang dieses Jahrhunderts nach Bayonne geflüchteten Fürstin[92] und eines Juden aus Bordeaux sei. Bei der Rückkehr in die Heimat wurde sie von einem Großwürdenträger des Hofes ihres Gemahls mit einer Ansprache vorgestellt, die des Lobes von ihr voll war. Der Marchese del Carpio, der mit ihrem Empfange betraut war, trat auf den Redner zu, und statt jeder Antwort sagte er ihm leise ins Ohr: „Ist sie in anderen Umständen?“