Der London Chronicle

vom 5. Juni 1760

„Welche Gründe den geheimnisvollen Fremdling hierher geführt haben, ist völlig unbekannt, ebenso weshalb der Hof solches Aufheben von ihm gemacht hat. Sein rätselhaftes Leben und die seltsamen Dinge, die von ihm erzählt werden, geben seinen gewöhnlichsten Handlungen, deren Schauplatz ganz Europa ist, etwas Besonderes.

„Die ehrenvollen Titel, mit denen er sich schmückt, verdankt er weder seiner Geburt noch irgendwelcher Fürstengunst. Selbst sein Name ist ein Geheimnis, das bei seinem Tode noch mehr Verwunderung erregen wird als alle wunderbaren Ereignisse seines Lebens. Sein jetziger Name ist angenommen.

„Das Wort „Unbekannter“, mit dem man ihn bezeichnet, ist zu schwach; die Bezeichnung „Abenteurer“ und „Glücksritter“ aber gehen von niedrigen Voraussetzungen aus, die nicht seinem Wandel entsprechen. Sie träfen nur zu, wenn man damit einen Mann — ich möchte fast sagen, einen vornehmen Mann — bezeichnete, der viel ausgibt und von niemandem abhängt, dessen Einnahmequellen unbekannt sind, der aber die der Gauner verschmäht, und dem von keinem Menschen und nirgendwo nachgesagt werden kann, daß er ihn benachteiligt hätte.

„Unsere Kenntnis über sein Vaterland ist ebenso gering wie über seine Herkunft. Die gewagtesten Vermutungen füllen die Lücken aus, und auf dieser Grundlage hat niedrige Gesinnung, die überall etwas Schlechtes annimmt und sieht, Geschichten erfunden, die ebenso lächerlich wie für ihren Helden entehrend sind. Es wäre aber recht und billig, mit dem Urteil zurückzuhalten, bevor man ihn kennt, und Menschenpflicht wäre es, diese widersinnigen, haltlosen Geschichten nicht kritiklos hinzunehmen. Beschränkt man sich auf das, was bekannt ist, so erscheint er nur als ein Unbekannter, dem niemand etwas vorzuwerfen hat und dem Mittel unbekannten Ursprungs zur Verfügung stehen, um in dieser Weise seit geraumer Zeit aufzutreten. Vor Jahren tauchte er in England auf[88]. Seitdem hat er die größten europäischen Höfe mit dem glänzenden Gefolge eines vornehmen Fremden besucht.

„Gil Blas’ Meister[89] hatte stets Geld, ohne daß man wußte, woher. Das trifft auch auf unseren Unbekannten zu. Sein Wandel ist unter den heikelsten Umständen beobachtet und verfolgt worden, und er hat sich als harmlos und geregelt erwiesen. Zwischen dem Romanhelden und dem unseren besteht nur der Unterschied, daß er alle seine Schätze in winzigem Umfange von unbekannter Form mit sich zu führen scheint. Man könnte den Vergleich mit der Phiole der Alchimisten ziehen, die die Grundstoffe enthält, mit denen sie alle ihre Operationen vornehmen. Nie hat man vor seiner Haustür Tonnen voll Silber abladen sehen, deren er doch bedurft hätte, um ein so großes Haus zu führen.

„Geschickt erfaßt er die Lieblingsneigung jeder Nation, bei derer sich zeigt; dadurch hat er sich überall anziehend und angenehm zu machen gewußt. Bei seiner ersten Reise nach England fand er eine große Vorliebe für Musik vor und entzückte uns durch sein Geigenspiel. Seine Begabung für dies Instrument ist so hervorragend, daß man mit einem unserer Dichter sagen könnte, er sei mit der Violine in der Hand geboren. Italien fand ihn seinen Virtuosen ebenbürtig, ebenso seinen feinsten Kennern der alten und neueren Kunst. Deutschland stellte ihn auf die gleiche Stufe mit seinen geübtesten Chemikern.

„Bei seinen umfangreichen und mannigfaltigen Kenntnissen bildete es eine besondere Empfehlung, daß er sich niemals mit einer anderen Kunst beschäftigt zu haben schien als eben der, in der er hervorragen wollte. So trat er in der Musik als ausübender Künstler wie als Komponist stets mit der gleichen Virtuosität und dem gleichen Erfolg auf, und seine Unterhaltung drehte sich stets um diese Kunst, der er tausend bildliche Ausdrücke entlehnte.

„Aus Deutschland brachte er nach Frankreich den Ruf eines perfekten Alchimisten mit, der den Stein der Weisen und die Universalmedizin besaß. Er sollte Gold machen können, eine Behauptung, die sein glänzendes Auftreten und seine Ausgaben zu rechtfertigen schienen. Die Sache kam selbst dem Minister zu Ohren, der lächelnd sagte, er werde schon herauskriegen, aus welcher Mine er sein Gold bezöge. Doch vergebens stellte er die genauesten Nachforschungen über das Papiergeld und die Wechselbriefe an, in denen er jene Mine erblickte. Während dieser zweijährigen Nachforschungen lebte Saint-Germain wie gewöhnlich, bezahlte überall in klingender Münze, ohne daß man entdecken konnte, daß ein Wechselbrief für ihn nach Frankreich gelangt wäre. Dadurch wurden die Gerüchte bestärkt, er sei im Besitz des Steines der Weisen, und man schrieb ihm nun auch ein Allheilmittel, selbst ein Elixier gegen das Altwerden und seine Folgen zu.