„Ach Gott!“ rief ich aus. Bei diesem Ausruf blickte Saint-Germain mich an und schien gerührt, weil er meine Augen voller Tränen sah.
„Ich will es Ihnen zeigen“, sagte er.
Damit schlug er seinen Ärmel zurück und zeigte ein Armband mit schöner Emailmalerei, das eine bildschöne Frau darstellte. Ich betrachtete es mit tiefer Bewegung. Saint-Germain sagte nichts weiter und ging auf ein anderes Thema über.
Als er fort war, machte sich meine Mutter zu meinem großen Kummer über seine „Ächtung“ und seine „Königin-Mutter“ lustig; denn der Preis, der mit sieben Jahren auf seinen Kopf gesetzt war, die Flucht in die Wälder mit seinem Gouverneur ließen durchblicken, daß er der Sohn eines entthronten Herrschers war. Ich glaubte an diesen Königsroman und wollte daran glauben, so daß die Scherze meiner Mutter mich sehr verdrossen. Seit jenem Tage sagte Saint-Germain nichts Bemerkenswertes mehr in dieser Hinsicht; er sprach nur noch von Musik, Kunst und Merkwürdigkeiten, die er auf seinen Reisen gesehen.
Er brachte mir jedesmal ausgezeichnete Bonbons in Fruchtform mit, die er, wie er versicherte, selbst gemacht hatte. Von allen seinen Talenten war mir dies nicht das unliebste. Er gab mir auch eine sehr merkwürdige Bonbonniere, deren Deckel er angefertigt hatte. Die Schachtel war aus schwarzem Perlmutter und sehr groß. Der Deckel war mit einem weit kleineren Achat verziert. Stellte man die Schachtel ans Feuer und nahm sie gleich darauf wieder fort, so sah man den Achat nicht mehr, sondern an seiner Stelle eine hübsche Miniatur, die eine Schäferin mit einem Blumenkorb darstellte. Diese Figur blieb so lange, bis die Schachtel wieder erwärmt wurde; dann erschien der Achat wieder und verdeckte die Darstellung. Das wäre ein reizendes Mittel, ein Bild zu verbergen. Ich habe seitdem eine Zusammensetzung entdeckt, mit der ich alle möglichen Steine, selbst durchsichtige Achate, täuschend ähnlich nachahme. Durch diese Erfindung habe ich den Kunstgriff von Saint-Germains Schachtel erraten.
Um mit meinen Erinnerungen über den seltsamen Mann zu schließen, muß ich sagen, daß ich 15 bis 16 Jahre später bei der Durchreise durch Siena in Italien erfuhr, daß er in dieser Stadt wohnte und daß man ihn nicht für älter als 50 Jahre hielte. 16 bis 17 Jahre darauf, als ich in Holstein war, hörte ich vom Prinzen von Hessen, dem Schwager des Königs von Dänemark und Schwiegervater des (heute regierenden) Kronprinzen[85], daß Saint-Germain ein halbes Jahr vor meiner Reise nach Holstein bei ihm gestorben sei. Der Prinz ging auf alle meine Fragen über den berühmten Mann ein. Wie er mir sagte, sah er zur Zeit seines Todes weder alt noch gebrechlich aus; nur schien er von einer unbezwinglichen Trübsal verzehrt. Der Prinz hatte ihm in seinem Schloß eine Wohnung angewiesen und machte mit ihm chemische Experimente. Saint-Germain war nicht als armer Mann zu ihm gekommen, doch ohne Begleitung und ohne glänzendes Auftreten. Er besaß noch mehrere schöne Diamanten. Er starb an Auszehrung, und zwar unter Zeichen furchtbarer Todesangst. Selbst sein Verstand war getrübt. Zwei Monate vor seinem Tode war er ganz geistesgestört. Alles an ihm deutete auf ein gequältes Gewissen hin, das sein Inneres in ungeheuren Aufruhr versetzte. Diese Erzählung betrübte mich; ich hatte noch immer viel für diesen seltsamen Mann übrig.
AUS GROSLEYS „NACHGELASSENEN SCHRIFTEN“[86]
Unter den Flüchtlingen, die Holland aufnimmt, gibt es Leute, deren fabelhafte Abenteuer unaufklärbar sind und bleiben. Im Jahre 1758 kam aus Frankreich nach Utrecht eine Frau von 36 Jahren, die durch Ton, Wesen und Benehmen eine gute Erziehung, ja vielleicht vornehme Herkunft verriet. Daran änderte sich nichts in den vier Jahren, die sie in einem Zimmer des Gasthofes, in dem ich wohnte, verbrachte. Sie hatte keine Bekannten und keinen Verkehr nach auswärts, außer daß sie vierteljährlich eine sehr anständige Rente erhielt. Umsonst hatte sie die besorgte Neugier des Wirtes erregt, der nach ihrem Fortgehen vergeblich seine Nachforschungen fortsetzte. Er schien noch voller Bewunderung für die Frömmigkeit und unveränderliche Sanftmut der „schönen Dame“, die er im Verdacht hatte, mit einem berühmten Abenteurer in Verbindung zu stehen: dem sogenannten Grafen Saint-Germain, der in Holland glänzend auftrat, mit allen europäischen Herrschern in Briefwechsel zu stehen behauptete, sich ein Alter von 74 Jahren beilegte, obwohl er erst ein Fünfziger zu sein schien, und den Stein der Weisen zu besitzen vorgab.
Seit zehn Jahren war die „schöne Dame“ von Utrecht nach Amsterdam übergesiedelt, und da ihre Rente ausblieb, hatte sie eine Stelle in einer alten Wohltätigkeitsanstalt der französischen Kirche erhalten. Sie bildet noch heute die Erbauung dieser Anstalt durch ihre Sanftmut und Frömmigkeit und alle christlichen und menschlichen Tugenden. Hätte ich Holland über Amsterdam statt über Utrecht verlassen, so hätte ich durch gründliche Nachforschungen vielleicht alles herausgebracht, was von ihr zu erfahren war.
Das Ergebnis meiner Nachforschungen über den Grafen Saint-Germain, dessen Geschichte mit der ihren verknüpft war, bilden folgende Einzelheiten, die ein Engländer seinen Landsleuten im London Chronicle vom 5. Juni 1760 zum besten gegeben hat. Der Graf Saint-Germain hatte Paris auf höheren Befehl verlassen und war nach London gegangen[87], wo er die öffentliche Aufmerksamkeit bald erregte und sie so lange fesselte, bis er nach den nordischen Ländern spurlos verschwand. Nachfolgend die wörtliche Übersetzung jenes Zeitungsartikels.