Er war ein hervorragender Musiker, begleitete auf dem Klavier aus dem Kopfe alles, was man sang, und mit solcher Vollendung, daß Philidor[83] darüber erstaunt war, ebenso über sein Präludieren.
Er war ein guter Physiker und ein großer Chemiker. Mein Vater, der das wohl beurteilen konnte, bewunderte seine Kenntnisse auf diesem Gebiet sehr. Er malte auch in Öl, freilich nicht hervorragend, aber doch nett. Er hatte ein Geheimverfahren für wirklich prachtvolle Farben, durch das seine Bilder hervorragend ausfielen. Er malte im Stil der Historienmalerei; seine Frauengestalten waren stets mit Juwelen geschmückt. Für diese Schmuckstücke benutzte er seine Farben, und seine Smaragde, Saphire, Rubinen usw. hatten wirklich die Leuchtkraft, den Wiederschein und Glanz der wirklichen Steine. Latour, Vanloo[84] und andere Maler besichtigten seine Gemälde und bewunderten aufs höchste den erstaunlichen Kunstgriff dieser leuchtenden Farben, die allerdings den Nachteil hatten, die Gesichter auszulöschen und ihre Naturwahrheit durch ihre überraschende Täuschung zu zerstören. Aber für die Ornamentalmalerei hätten diese seltsamen Farben von großem Nutzen sein können, hätte Saint-Germain das Verfahren nicht geheim gehalten.
Im Gespräch war er belehrend und unterhaltend. Er war viel gereist und beherrschte die neuere Geschichte mit erstaunlicher Kenntnis der Einzelheiten. Man sagte daher, er spräche von längst verstorbenen Personen, als hätte er mit ihnen gelebt. Aber ich habe dergleichen aus seinem Munde nie gehört.
Er zeigte die besten Grundsätze, erfüllte gewissenhaft alle äußeren Pflichten der Religion, war sehr wohltätig und, wie allgemein zugegeben wurde, von größter Sittenreinheit. Kurz, in seinem Benehmen wie in seinen Reden war alles gesetzt und moralisch.
Dieser Mann erschien außergewöhnlich durch seine Talente, seine umfassenden Kenntnisse und alles, was persönliche Achtung verschafft — Wissen, vornehmes, gesetztes Wesen, lauteren Wandel, Wohlstand und Wohltätigkeit. Trotzdem war er ein Schwindler oder doch ein halber Narr, der sich Maßloses auf seine paar besonderen Geheimmittel einbildete, die ihm eine kräftige Gesundheit und ein längeres Leben als das des Durchschnitts der Menschen verschafft hatten. Ich bin überzeugt, und mein Vater glaubte es fest, daß Saint-Germain, der damals höchstens 45 Jahre alt schien, mindestens 90 alt war. Triebe der Mensch nicht Mißbrauch mit allem, so würde er insgemein noch zu höheren Jahren kommen; Beispiele dafür sind vorhanden. Ohne unsere Leidenschaften und unsere Unmäßigkeit würden wir 100 Jahre alt werden und bei sehr hohem Alter 150 bis 160 Jahre. Dann stände man mit 90 Jahren in der Kraft eines Vierzig- bis Fünfzigjährigen. Somit hat meine Annahme über Saint-Germain nichts Ungereimtes, vorausgesetzt, daß er mit Hilfe der Chemie die Bereitung eines Trankes oder einer Flüssigkeit gefunden hätte, die seinem Temperament entsprach. Auch ohne an den Stein der Weisen zu glauben, könnte man annehmen, daß er damals viel älter war, als ich hier voraussetze.
In den ersten vier Monaten unseres vertrauten Umgangs tat Herr von Saint-Germain keine maßlose Äußerung, ja nicht mal eine ungewöhnliche. In seinem Wesen lag etwas so Gesetztes und Achtenswertes, daß meine Mutter ihn gar nicht über die Seltsamkeiten, die man von ihm behauptete, zu fragen wagte. Eines Abends jedoch, als er mich beim Vortrag mehrerer italienischen Arien nach dem Gehör begleitet hatte, sagte er zu mir, ich würde in vier bis fünf Jahren eine sehr schöne Stimme haben. „Und wenn Sie siebzehn bis achtzehn Jahre alt sind,“ setzte er hinzu, „würden Sie dann nicht gern in diesem Alter bleiben, wenigstens für eine lange Reihe von Jahren?“ Ich wäre entzückt darüber, entgegnete ich. „Wohlan!“ fuhr er tiefernst fort, „das verspreche ich Ihnen.“ Und sofort ging er auf andere Dinge über.
Frau von Genlis
Steindruck von Henry Meyer
Diese paar Worte ermutigten meine Mutter, ihn kurz darauf zu fragen, ob er wirklich aus Deutschland stamme. Da schüttelte er geheimnisvoll den Kopf und versetzte mit einem tiefen Seufzer: „Alles, was ich Ihnen über meine Herkunft sagen kann, ist, daß ich mit sieben Jahren in Begleitung meines Gouverneurs durch die Wälder irrte und daß auf meinen Kopf ein Preis gesetzt war!“ Bei diesen Worten schauderte ich, denn die Ehrlichkeit dieser großen Offenbarung stand für mich außer Zweifel. „Am Tage vor meiner Flucht“, fuhr Saint-Germain fort, „befestigte meine Mutter, die ich nicht wiedersehen sollte, ihr Bild an meinem Arme.“