(von dem anonymen Übersetzer)
Saint-Germain, Welldone, oder unter was für mehr Namen er hier und dort gewallet haben mag, war unleugbar ein Scharlatan, nachdem er lange genug Aventurier gewesen war. Von einem Manne, der sich so weit und breit in der Welt herumgetrieben hat, ist es höchstwahrscheinlich, daß er auch mit einer oder mehr geheimen Gesellschaften in Bündnis getreten sei. Aber Schwärmer war er gewiß nicht, am wenigsten ein religiöser. Eben den hellen Kopf, den man in des Grafen von Lambergs „Mondain“[133] an Saint-Germain wahrnimmt, behielt er bis an sein Ende. Als ein Mensch, der mit aufmerksamen Augen und Ohren die Welt durchreiset war, ein gutes Gedächtnis und die Gabe eines interessanten Vortrags hatte, war er ein guter Gesellschafter und unterhaltender Tischgenosse, dessen Anekdotenvorrat unerschöpflich schien. Und Tischgenossen von guter Unterhaltung (ich rede ganz ernsthaft) sind seltener und gesuchter als die von bloß gutem Appetit. Aber Saint-Germain hatte auf seinen Reisen nicht bloß nach Anekdoten gehascht; er hatte außer einigen andern, vielleicht zweideutigeren, auch wirklich nützliche Arcana gesammelt, die ihn einem wohltätigen Patrioten eines Landes, das rohe Produkte ausführt und solche verarbeitet von Fremden wiederkauft, weil es ihm noch an Manufakturen und Fabriken fehlt, sehr willkommen machen mußten, und die ihm auch wirklich an manchem Orte eine beneidete, gute Aufnahme erwarben. Freilich mochte er oft mehr von sich erwarten lassen, als er zu leisten imstande war. Aber kann ein Mann, der gut gekleidet, mit einigen kostbaren Nippes in Gesellschaften erscheint, dafür, wenn man ihn für reicher hält, als er wirklich ist? Oder ist es meine Pflicht, jedermann, von dem ich nichts borgen will, den genauen Zustand meines Vermögens anzugeben? Was hat man nicht alles von Wunderessenzen, die Menschen zu verjüngen, von Universalarzneien gegen alle Krankheiten und Tod, ja von dem mehr als Methusalemischen Alter dieses sonderbaren Abenteurers, das er sich beilegen sollte, erzählt und fast allgemein geglaubt! Aber ist ein Märchen deswegen auch schon wahr, weil man es allgemein erzählt und fast durchgängig glaubt? Daß mich der Himmel davor behüte, der Verteidiger oder Lobredner irgendeines Scharlatans zu werden! Ich gestehe vielmehr offenherzig, daß ich jeden Geheimniskrämer wegen verbotener Absicht auf anderer Beutel in Verdacht habe. Aber es tut mir weh, wenn ich sehe, daß man einen Namen wie Saint-Germain, ohne irgendeinen ersichtlichen Zusammenhang mit der Materie, mit Gewalt herbeizieht (denn von Scharlatans ist ja nicht die Rede, sondern von einer für die bürgerliche Gesellschaft höchst schädlichen, theosophisch-magischen und nach Universalmonarchie strebenden Sekte[134]), um durch den Beisatz: „der so kräftig beschützt worden“, ein falsches Licht auf eine Person zu werfen, die, wenn sie auch aller öffentlichen, der Ordnung der Staaten gemäß, Respekt fordernden Würden entkleidet wäre, durch ihre höchst edle Art zu denken und zu handeln die Verehrung und selbst Liebe aller rechtschaffenen Menschen verdient.
Es tut mir weh, zu sehen, daß sich ein Mann es anmaßet, die Menschheit gegen eine geheime Sekte, die er weder zu nennen noch deutlich zu bezeichnen wagt, zu warnen, der sich solche mutwillige (wer einigermaßen starke Ausdrücke liebte, würde sagen: pasquillenhafte) Ausfälle auf wirklich edle Menschen erlaubt und also dadurch, daß er mit solchen Stellen, wie diese und einige andere in seinem Buche, tiefen Unwillen erweckt, seine Absicht verdächtig, seine mit unterlaufenden Wahrheiten zweifelhaft macht und sonach das, was er sonst Gutes gewirkt haben könnte, vereitelt.
Kritik der „Charakteristik“[135]
Rezensent stößt hier auf eine Note, wo der Übersetzer dem Verfasser wirklich unrecht tut. Der Verfasser vergleicht nämlich den berüchtigten Saint-Germain mit einem älteren Narren und bedient sich bei dieser Gelegenheit der Worte: „Saint-Germain, der so kräftig beschützt worden ist.“ Dies bringt den Übersetzer in eine Wärme, welche sich die meisten Leser schwerlich werden erklären können. Dabei verteidigt er den Saint-Germain, nennt ihn einen hellen Kopf und möchte die Leser gern überreden, daß er gar der Mann nicht gewesen sei, den man in eine solche Parallele stellen sollte. Rezensent, der Gelegenheit gehabt hat, von dem Manne, dessen sich hier der Übersetzer so warm annimmt, sehr authentische Nachrichten zu erhalten, muß hier aber demselben widersprechen.
Saint-Germain war nichts weniger als ein heller Kopf, wie schon der einzige Umstand beweisen kann, daß er noch auf seinem Totenbette verjüngt zu werden hoffte und andern versicherte, daß das, was Auflösung war, Vorbereitung zu seiner bevorstehenden Verjüngung sei.
Andere Umstände läßt Rezensent hier unberührt, weil sie nicht hierher gehören. Besser hätte indessen der Übersetzer getan, er hätte seine Note zu Saint-Germains Rechtfertigung weggelassen; denn sie erregt auch gegen seine Aufrichtigkeit nicht unbegründeten Verdacht.