Kritik der „Charakteristik“ von Meister[128]
November 1785.
Diese Schilderung ist in vieler Hinsicht falsch. Der Graf von Saint-Germain machte auf alle, die ihn kennen lernten, den Eindruck eines sehr geistvollen Mannes. Er besaß jene natürliche Beredtsamkeit, die mehr als alles andere besticht. Er besaß so große Kenntnisse in der Chemie und Geschichte wie wenige. Er besaß die Gabe, das Gespräch auf die bedeutsamsten Ereignisse der alten Geschichte zu bringen und von ihnen zu erzählen wie von einer Tagesneuigkeit, mit den gleichen Einzelheiten, in der gleichen fesselnden Art und mit der gleichen Lebhaftigkeit.
Saint-Germain und Cagliostro[129]
„Ungeachtet aller seiner Talente und Geistesgaben verließ diesen Wundermann (Saint-Germain) sein Hang zum Wunderbaren nie, und er wußte davon gar klüglich Nutzen zu ziehen; denn seine sogenannten arcana verkaufte er sehr teuer. Übrigens wurde er Stifter geheimer Gesellschaften und initiierte mit vielem Gepränge und Aufwand. Selbst den bekannten Abenteurer Cagliostro soll er in einen solchen mystischen Isisorden aufgenommen haben, und man muß gestehen, daß (die Gelehrsamkeit ausgenommen) Saint-Germain an ihm ein seinen geheimen Absichten vollkommen entsprechendes Mitglied fand.“
GRAF SAINT-GERMAIN[130]
Hat der Graf Saint-Germain, der so kräftig beschützt worden ist, etwas anderes getan, als Guillaume Postel[131] nachzuahmen, der den Sparren hatte, sich für älter auszugeben, als er war? Um seinen Bekannten etwas vorzumachen, schminkte er sich, färbte sich die Haare schwarz und nannte sich demgemäß Postellus restitutus. Wie seine Nachfolger versicherte Postel, der Engel Resiel hätte ihm göttliche Geheimnisse offenbart. Was sagen heute die zurückhaltendsten Biographen von ihm? „Er hätte den Wissenschaften zur Zierde gereicht, hätte er nicht infolge seiner Vertiefung in die Rabbiner und der Beobachtung der Gestirne den Kopf verloren“ ...
Nachdem Saint-Germain in dreißig Städten Ärgernis erregt und zweihundert Neulinge in der Chemie angeführt hat, trifft er einen freigebigen und feinfühligen Großen[132] und nimmt sich vor, seine Gaukeleien mit ihm zu beschließen. Er sagt folgendes zu ihm: „Seit fast 80 Jahren (er war damals 77 Jahre alt) suche ich einen Menschen, einen Menschen, den ich zum auserwählten Gefäß machen kann, das den himmlischen Tau aufnimmt, den ich im Gelobten Lande gesammelt habe. Er darf nichts wissen und muß zu allem befähigt sein. An Stelle der alten Kenntnisse muß ich seinen Geist mit neuem Wissen erfüllen. Licht und Finsternis, Reines und Unreines, Gott und Mensch können nicht beieinander wohnen. Ich selbst kenne Sie wenig, aber ich weiß viel von Ihnen durch die, welche Sie nicht kennen, aber eines Tages kennen werden. In Ihre reine Seele hat der Himmel die Keime aller guten Eigenschaften gelegt; lassen Sie mich sie entwickeln! Werden Sie das himmlische Behältnis für die überirdischen Wahrheiten. Sie sind zum Herrscher über große Reiche bestimmt oder werden dazu berufen werden. Schenken Sie Ihre Fürsorge und Ihren Geist den Menschen, aber widmen Sie Ihre Zeit und Ihr Forschen dem höchsten Meister. Im Alter von 27 Jahren werden Sie binnen wenigen Monaten 90 Jahre alt sein. Ich werde für Sie sorgen, wirken, schaffen. Als Wunder für die übrige Menschheit werden Sie doch in Gottes Augen nichts tun, wenn Sie sich begnügen, das Licht eines Planeten zu sein. Als Träger der erstaunlichsten Geheimnisse können Sie dem Lauf der Gestirne Halt gebieten und in Ihren Händen das Schicksal von großen Reichen halten. Aber das Wissen ist nur dann ein Schatz, wenn der, welcher es lehrt, auch die Anwendung überwacht.“
Erstaunt, ein Genie zu sein, entzückt, ein Wunderwesen zu werden, außer sich bei dem Gedanken, daß er Europa regieren wird, schlägt der Große die Augen nieder, wirft sich zu Boden und steht wieder auf, um ein des Wundermannes würdiges Schloß zu erbauen. Als dieser gut untergebracht war, begannen die Zurüstungen, und der große Tag wurde festgesetzt. Welche Geheimnisse sah man nun erblühen? Die Kunst, dem Kupfer mehr Glanz und Biegsamkeit zu geben, die Kunst, Edelsteine von Flecken zu befreien, zwei Wunder, die drei deutsche Chemiker in ihren gelehrten Vorträgen gelehrt haben. Was sah man weiter? Ein Purgiermittel, das jeder Apotheker herstellt und dem Volke verkauft, eine Menge von Flüssigkeiten, deren geheimes Herstellungsverfahren schon mehrere Fabrikanten in Frankreich und Italien gekauft hatten. Im übrigen bewegten sich die Gestirne wie vorher, Europa erfuhr keinerlei Umwälzung, und selbst das kleinste Ländchen lehnte die ihm zugedachte politische Medizin hartnäckig ab. Man lebte jahrelang von Versprechungen; nichts ereignete sich; man ertappte den Gott sogar bei sehr menschlichen Verrichtungen. Nie wurden die Augen aufgetan; und noch beim Begräbnis des Propheten glaubte man an seine wunderbare Himmelfahrt.