Cagliostro
Stich von Charles Guérin
„Als ich den Fuß in diesen hehren Bezirk setzte,“ entgegnete die Marquise, „habe ich jeglichen Willen abgelegt. Wenn Ihr aber wollt, daß die Begierde dem Opfer vorangeht und es herbeiführt, so laßt mich ein Weilchen zu Atem kommen und sagt mir, unter wessen Messer ich fallen soll?“
„Gern,“ sprach er, „obwohl dies eigentlich nicht der Augenblick zu langem Gerede ist. Von zartester Jugend auf zu Großem berufen, habe ich mich bemüht, zu erkennen, worin der wahre Ruhm besteht. Die Staatskunst dünkte mich nur eine Kunst des Betruges, die Kriegskunst nur die Kunst des Mordens, die Philosophie nur ein dünkelhafter Wahn, Unsinn zu reden, die Naturwissenschaft nur ein schöner Traum über die Natur und ein fortwährendes Irren des Menschen in unbekannten Ländern, die Theologie nur eine Kenntnis des Elends, zu dem der menschliche Hochmut führt, die Geschichte nur ein trauriges, eintöniges Studium von Verirrungen und Niedertrachten. Daraus schloß ich, daß der Staatsmann nur ein geschickter Lügner ist, der Kriegsheld ein erhabener Narr, der Philosoph ein Sonderling, der Naturforscher ein beklagenswerter Blinder, der Theologe ein Lehrer des Fanatismus und der Geschichtschreiber ein Wortkrämer. Ich hörte vom Gott dieses Tempels sprechen; ich schüttete in seinen Busen meinen Kummer, meine Zweifel, meine Wünsche aus. Er bemächtigte sich meiner Seele, bildete sie und ließ mir alle Dinge in neuem Lichte erscheinen. Fortan begann ich in der Zukunft zu lesen, und diese so beschränkte, so enge, so öde Welt weitete sich. Ich lebte nicht nur mit den Gegenwärtigen, sondern auch mit den Toten. Da ich jung und leidenschaftlich war, brachte er mich mit den schönsten Frauen des Altertums zusammen. Ich lebte mit Aspasia, mit Leontion[122], mit Sappho, Faustina[123], Semiramis und Irene[124], von denen man so viel gesprochen hat. Ich fand es sehr hold, alles zu wissen, ohne etwas zu lernen, über die Schätze der Welt zu verfügen, ohne die Könige darum anzubetteln, den Elementen zu gebieten, statt den Menschen. Der Himmel schuf mich freigebig, jetzt kann ich meine Neigung befriedigen: alles, was mich umgibt, ist reich. Dieser Augenblick beweist das eben Gesagte. Ihr seid zweifellos eines der schönsten Weiber auf Erden, ich halte Euch in meinen Armen, und wenn Ihr darauf achtgeben wollt, werdet Ihr merken, daß die Wollust, auf die bei gewöhnlichen Sterblichen Ermattung folgt, ebenso unsterblich ist wie der Gott, der mir diese Gabe verlieh.“
Hier unterbrach sich der Redner, in der Annahme, auch einmal etwas beweisen zu müssen und den Glauben der Eingeweihten nicht auf eine zu harte Probe zu stellen. Er bewies also die Macht des ihn beseelenden Gottes mit unwiderstehlicher Tatkraft.
Mittlerweile wurde der Graf Cagliostro in ein anderes Mysterium eingeweiht. Man gab ihm zu bedenken, daß die angenehmsten Dinge keine Eintönigkeit ertrügen, daß das gebildeteste Volk der Welt die Griechen, der weiseste Sterbliche Sokrates gewesen sei, daß der liebenswürdigste Mann Alkibiades geheißen habe, daß das frömmste Volk die Italiener seien und daß er in seiner bevorstehenden Laufbahn jene Gefügigkeit haben müsse, die sich allen Gelüsten hingibt. Es war Antinous, der so den Demosthenes spielte. Der Graf unterwarf sich und wurde wie Cäsar behandelt.
Nachdem man sich wieder angekleidet, beschloß ein prächtiges Mahl die Zeremonie. Im Laufe des Festes erfuhren sie, daß das Lebenselixier nur aus Tokaier bestand, der je nach Bedarf rot oder grün gefärbt sei, daß sie Leute von Geist fliehen, verabscheuen und verleumden, Dummköpfe umschmeicheln, lieben und verblenden müßten, daß sie geheimnisvoll verbreiten sollten, Saint-Germain sei 500 Jahre alt, daß sie Gold und Tee machen und vor allem die Leute anführen sollten.
Mit diesen Weisungen reisten die etwas ausgerenkte Marquise und der etwas beschädigte Graf nach Petersburg, wo sie sich als Heilkünstler ausgaben.
Charakteristik des Grafen Saint-Germain[125]
Der vor einigen Jahren verstorbene und schon vergessene Graf Saint-Germain war ein ernsthafter Narr. Er besaß wenig Geist, einige chemische Kenntnisse, war für einen Schwindler nicht unverschämt genug, für einen Fanatiker nicht beredt genug und besaß nicht die Verführungskunst, um Halbwissende zu bestechen. In Chambéry bot er dem Marschall von Bellegarde seine Chemie an. Sie begannen zu schmelzen, doch der Schmelztiegel lieferte einen Stoff, der zwar Farbe und Gewicht, nicht aber die Dehnbarkeit des Goldes besaß. Diese Versuche fanden auf einem Landgute statt, wo der Graf binnen sieben Monaten dreimal Vater wurde. Das Geld schmolz zusammen, er hatte überall Schulden, und man riet ihm, abzureisen. In Paris das gleiche Spiel. Er hatte sich mit einem berühmten Gauner zusammengetan, einem früheren Spion des Marschalls Belle-Isle[126], der sich seitdem nach Bercy[127] zurückgezogen hatte, wo er das Ludwigskreuz auf einem zerlumpten Anzug und das Henkermal auf dem Rücken trug. Sie machten zusammen Vitriolöl. Das war der Vorwand zum Goldmachen. Sie verzankten und schlugen sich. Der Graf zog den kürzeren und verließ eine Stadt, die ihre Arme allen Betrügern öffnet.