SAINT-GERMAIN IN FRANKREICH
I. Aus Casanovas „Memoiren“[146]
(1757)
Die angenehmste Mahlzeit, die ich (bei der Marquise von Urfé)[147] einnahm, war in Gesellschaft der Frau von Gergy[148], die den berühmten Abenteurer mitbrachte, der als Graf Saint-Germain bekannt ist. Statt zu essen, sprach er vom Anfang bis zum Ende des Mahles, und ich machte es beinahe ebenso, indem ich ihm mit größter Aufmerksamkeit zuhörte. Allerdings konnte man kaum besser sprechen als er.
Saint-Germain gab sich für einen Wundermann aus. Er wollte verblüffen, und das gelang ihm oft. Sein Ton war bestimmt, aber so einstudiert, daß er nicht mißfiel. Er war gelehrt, beherrschte die meisten Sprachen, war ein großer Musiker und Chemiker, hatte ein angenehmes Gesicht und verstand alle Frauen zu kirren; denn er gab ihnen zugleich Schminken und Schönheitsmittel und schmeichelte ihnen mit der Hoffnung, nicht, sie zu verjüngen — denn er war so bescheiden, zu gestehen, daß er dies nicht vermöchte —, wohl aber, sie in ihrem jetzigen Zustande zu erhalten, und zwar mittels eines Wassers, das er ihnen schenkte, obwohl es ihm selbst, wie er sagte, viel Geld kostete.
Er hatte die Gunst der Frau von Pompadour zu erlangen gewußt, die ihm eine Unterredung mit dem Könige verschaffte, und diesem hatte er ein hübsches Laboratorium eingerichtet. Denn der liebenswürdige Monarch, der sich überall langweilte, glaubte etwas Unterhaltung oder doch Zerstreuung beim Herstellen von Farben zu finden. Der König hatte ihm eine Wohnung im Schlosse Chambord angewiesen und ihm 100000 Franken zum Bau eines Laboratoriums gegeben. Wie Saint-Germain behauptete, wollte der König durch seine chemischen Produkte die französischen Fabriken in Blüte bringen.
Dieser eigentümliche Mann, der zum Betrüger großen Stiles geschaffen war, sagte in selbstgewissem Ton und gleichsam beiläufig, er sei dreihundert Jahre alt, besitze das Allheilmittel, mache mit der Natur, was er wolle, besitze das Geheimnis, Diamanten zu schmelzen und aus zehn bis zwölf kleinen einen großen von reinstem Wasser zu machen, ohne daß ein Gewichtsverlust einträte. Alle diese Operationen waren für ihn ein Kinderspiel. Trotz seiner Aufschneidereien, offenkundigen Lügen und maßlosen Wunderlichkeiten brachte ich es doch nicht über mich, ihn unverschämt zu finden. Achtbar fand ich ihn auch nicht, aber unwillkürlich und fast unbewußt fand ich ihn verblüffend; denn er verblüffte mich ...
Der seltsame Mann erschien oft in den besten Häusern der Hauptstadt zum Diner, rührte aber keinen Bissen an und behauptete, sein Leben hinge von seiner Ernährungsweise ab, die niemand außer ihm kennen könne. Mit dieser Wunderlichkeit fand man sich ab, denn man war nur auf seine Erzählerkunst erpicht, die ihn tatsächlich zur Seele aller von ihm besuchten Gesellschaften machte.
(Februar 1758)
Zu Tisch erschien Saint-Germain, aber wie stets aß er nicht, sondern redete nur. Mit unerschütterlicher Sicherheit erzählte er unglaubliche Dinge, und man mußte so tun, als ob man sie glaubte; denn er war stets Augenzeuge oder Held der Geschichte gewesen. Nur als er etwas erzählte, das ihm begegnet war, als er mit den Vätern des Konzils von Trient[149] speiste, mußte ich lachen.