Frau von Urfé trug am Halse als Schmuckstück einen großen Magneten. Eines Tages, so behauptete sie, würde dieser Magnet den Blitz anziehen, und sie würde auf diese Weise zur Sonne aufsteigen. Der berühmte Schwindler versicherte ihr sofort, die Sache sei unfehlbar, aber er allein besäße die Macht, den Magneten ums Tausendfache zu verstärken. Ich entgegnete ihm kalt, ich wollte um 20000 Thaler wetten, daß er ihn nicht einmal um das Doppelte verstärken könne. Frau von Urfé legte sich ins Mittel, um die Wette zu verhindern, und nach Tisch sagte sie mir unter vier Augen, ich hätte sie verloren; denn Saint-Germain sei Magier. Man kann sich wohl denken, daß ich ihr recht gab.

Ein paar Tage darauf reiste der angebliche Magier nach Chambord, wo der König ihm eine Wohnung und 100000 Franken angewiesen hatte, um in voller Freiheit an seinen Farben arbeiten zu können, mit denen er den französischen Tuchfabriken den Vorrang vor denen aller anderen Länder sichern wollte. Saint-Germain hatte den König dadurch bestrickt, daß er ihm in Trianon ein Laboratorium einrichtete, in dem er sich bisweilen die Zeit vertrieb, so gering auch seine chemischen Kenntnisse waren. Aber der König langweilte sich überall, außer auf der Jagd: der Hirschpark betäubte ihn nur und stumpfte ihn immer mehr ab.

Die gefällige Marquise hatte den Adepten dem König zugeführt, in der Hoffnung, ihm die Langeweile zu vertreiben, indem sie ihm Geschmack für die Chemie beibrachte. Zudem glaubte die Pompadour, von Saint-Germain das Lebenselixier bekommen zu haben, und so wollte sie ihm einen großen Vorteil verschaffen. Dies Wunderwasser, das man genau in der von dem Schwindler vorgeschriebenen Dosis einnehmen mußte, besaß nicht die Kraft, den Menschen zu verjüngen — er gab zu, daß dies unmöglich war —, sondern nur die, ihn für mehrere Jahrhunderte nicht altern zu lassen. Tatsächlich hatte dies Wasser — oder sein Erfinder — wo nicht auf den Körper, so doch auf den Geist der berühmten Frau gewirkt: sie hatte dem König versichert, daß sie nicht altere.

Auch der König war ganz im Banne des Betrügers; eines Tages zeigte er dem Herzog von Zweibrücken[150] einen zwölfkarätigen Diamanten von reinstem Wasser, den er selbst gemacht zu haben wähnte. „Ich habe 24 Karat kleinere Diamanten geschmolzen,“ sagte Ludwig XV., „daraus erhielt ich diesen, der durch Schleifen auf 12 Karat verkleinert ist.“ Infolge dieser Voreingenommenheit hatte der König jenem berühmten Abenteurer den früheren Wohnsitz des Marschalls von Sachsen[151] angewiesen. Ich habe diese Anekdote vom Herzog von Zweibrücken selbst gehört, als ich in Metz mit ihm und dem schwedischen Grafen Lewenhaupt speiste.

Ferner erzählt Casanova in seiner Schrift „Monolog eines Denkers“, S. 34 f. (Prag 1784):

Der unlängst in Schleswig verstorbene Saint-Germain war niemand anders als der Geigenspieler Catalani. Er war groß unter dem Namen eines Marquis de la croix noire in England, wunderbar unter dem Namen eines Grafen Saint-Germain in Frankreich und Spanien, und einzig unter dem eines Grafen Belmar in Italien. Was war das für ein Mensch! Selbst von ihm angeführt zu werden, gereichte nicht zur Unehre. Sein Gesicht war angenehm, vornehm sein Auftreten. Er war ein guter Erzähler, wenn er auch manchmal aufschnitt, sprach alle Sprachen gut. Dazu war er ein großer Chemiker, ein großer Musiker, besaß die Formen der guten Gesellschaft, zeigte sich selten, war zurückhaltend, höflich, witzig, geistvoll — kurz, er war von solcher Art, daß selbst die, die auf ihn hereingefallen waren, es ohne Erröten zugaben. König Ludwig XV., der sich, wo er auch war, langweilte, fand Zeitvertreib in dem von Saint-Germain ihm eingerichteten Laboratorium. Er gab ihm eine Wohnung im Schloß Chambord und 100000 Franken.

II. Aus den „Denkwürdigkeiten“ der Madame du Hausset[152].

Bei Frau von Pompadour verkehrte oft ein Mann, der einer Zauberin kaum etwas nachgab. Das war der Graf Saint-Germain, der glauben machen wollte, daß er mehrere Jahrhunderte alt war.

Eines Tages fragte Madame ihn in meiner Gegenwart bei der Toilette: „Wie sah Franz I.[153] aus? Das war ein König, den ich geliebt hätte.“ — „Er war auch sehr liebenswert“, versetzte Saint-Germain. Dann schilderte er seine Gesichtszüge und seine ganze Erscheinung wie bei einem, den man sich genau angesehen hat. „Leider war er nur zu hitzig. Ich hätte ihm gern einen trefflichen Rat gegeben, der ihn vor all seinem Unglück bewahrt hätte, aber er hätte ihn nicht befolgt; denn es scheint ein Verhängnis über den Fürsten zu walten, die ihre Ohren — die Ohren des Geistes — den besten Ratschlägen verschließen, besonders in kritischen Augenblicken.“ — „Und was sagen Sie von dem Connétable[154]?“ fragte Madame. — „Ich kann weder allzu Gutes noch allzu Schlechtes von ihm sagen“, entgegnete er. — „War der Hof Franz’ I. sehr schön?“ — „Sehr schön, aber der seiner Enkel[155] übertraf ihn unendlich. Zur Zeit der Maria Stuart[156] und der Margarete von Valois[157] war er ein Zauberland, der Tempel der Genüsse, auch der geistigen. Beide Königinnen waren gelehrt, sie machten Verse, und ihnen zuzuhören, war ein Genuß.“ Lachend versetzte Madame: „Wie es scheint, haben Sie das alles gesehen.“ — „Mein Gedächtnis ist stark,“ sagte er, „und ich habe die französische Geschichte eingehend studiert. Bisweilen erlaube ich mir den Spaß, die Leute zwar nicht glauben zu machen, aber glauben zu lassen, daß ich in den ältesten Zeiten gelebt habe.“ — „Aber schließlich sagen Sie doch nicht, wie alt Sie sind, und Sie geben sich für sehr alt aus. Die Gräfin von Gergy, die vor 50 Jahren Botschafterin war, ich glaube in Venedig[158], behauptet, Sie so gekannt zu haben, wie Sie jetzt sind.“ — „Allerdings Madame, habe ich die Gräfin von Gergy vor langer Zeit kennen gelernt.“ — „Aber nach dem, was sie sagt, müßten Sie jetzt über 100 Jahre alt sein.“ — „Das ist nicht unmöglich,“ sagte er lachend, „aber wie ich zugebe, ist es noch möglicher, daß die verehrte Dame Unsinn redet.“ — „Sie behauptet, Sie hätten ihr ein Elixier von wunderbarer Wirkung gegeben. Sie hätte infolgedessen lange wie eine Vierundzwanzigjährige ausgesehen. Warum geben Sie dem König das Elixier nicht?“ — „Ach, Madame,“ versetzte er mit einer Art von Schauder, „wenn ich mir beikommen ließe, dem König eine mir unbekannte Arznei zu geben, müßte ich wahnsinnig sein[159].“

Ich begab mich auf mein Zimmer, um dies Gespräch aufzuschreiben.