Ein paar Tage darauf war zwischen dem König, Madame, einigen Edelleuten und dem Grafen Saint-Germain die Rede von dem Geheimmittel, das er besaß, um Diamanten von Flecken zu befreien. Der König ließ sich einen mäßig großen Diamanten bringen, der einen Fleck hatte. Man ließ ihn wiegen, und der König sagte zum Grafen: „Er wird auf 6000 Livres geschätzt, aber ohne den Flecken wäre er 10000 wert. Wollen Sie es übernehmen, mich 4000 Franken verdienen zu lassen?“ Dieser prüfte ihn genau, dann sagte er: „Das ist möglich. In einem Monat werde ich ihn Eurer Majestät wiederbringen.“

Giacomo Casanova

Nach einem Pastellbild seines Bruders Francesco

Nach einem Monat brachte der Graf dem König den Diamanten fleckenlos zurück. Er war in Asbestwatte gewickelt, die er entfernte. Der König ließ ihn wiegen, und er wog fast genau soviel wie vorher. Der König schickte ihn durch Herrn von Gontaut[160] zu seinem Juwelier, ohne ihm irgend etwas zu sagen, und der brachte 9600 Livres wieder. Aber der König ließ den Diamanten zurückfordern, um ihn der Wissenschaft halber zu behalten. Er konnte sich von seiner Überraschung nicht erholen und sagte, Herr von Saint-Germain müsse millionenreich sein, besonders, wenn er das Geheimnis besäße, aus kleinen Diamanten große zu machen. Der sagte weder ja noch nein, versicherte aber sehr bestimmt, er könne Perlen vergrößern und ihnen ein schöneres Wasser geben. Der König behandelte ihn achtungsvoll, ebenso Madame, von der ich das eben Gesagte erfuhr. Betreffs der Perlen hat mir Herr Quesnay[161] gesagt: „Die Perlen entstehen durch eine Krankheit der Austern, und es ist möglich, ihr auf den Grund zu kommen. Somit kann Herr von Saint-Germain Perlen vergrößern; trotzdem aber ist er ein Scharlatan; denn er hat ein Lebenselixier und läßt durchblicken, daß er mehrere hundert Jahre alt ist. Übrigens ist der König vernarrt in ihn und spricht bisweilen von ihm, als ob er von erlauchter Geburt sei.“

Ich habe ihn mehrfach gesehen. Er schien 50 Jahre alt, war weder fett noch mager, hatte eine schlaue, geistreiche Miene, war sehr schlicht, aber geschmackvoll gekleidet und trug sehr schöne Diamanten an den Ringen wie an seiner Tabaksdose und Uhr. Eines Tages, bei einem großen Hoffest, kam er mit so schönen Schuhschnallen und Kniebändern, die mit echten Diamanten besetzt waren, zu Madame, daß diese sagte, sie glaube nicht, daß der König so schöne hätte. Er ging ins Vorzimmer, um sie abzumachen, und brachte sie dann wieder, damit man sie näher ansehen könnte. Herr von Gontaut, der dabei war, verglich die Steine mit anderen und sagte, sie seien wenigstens 200000 Franken wert. Am selben Tage trug er eine unschätzbare Tabaksdose und Manschettenknöpfe von funkelnden Rubinen. Kein Mensch wußte, woher dieser so reiche und außergewöhnliche Mann stammte, und der König duldete nicht, daß man verächtlich von ihm sprach und über ihn spottete. Er war angeblich der Bastard eines portugiesischen Königs ...

Eines Tages sagte Herr von Saint-Germain zum König: „Um die Menschen zu achten, darf man weder Beichtvater noch Minister noch Polizeidirektor sein.“ — Der König setzte hinzu: „Und König.“ — „Ach, Sire,“ rief er, „Sie haben den Nebel vor einigen Tagen gesehen, man sah keine vier Schritt weit. Die Könige sind — allgemein gesprochen — in noch viel dichtere Nebel gehüllt, die Ränkeschmiede, treulose Minister um sie entstehen lassen, und in allen Volksklassen ist man sich darin einig, ihnen die Dinge in falscher Beleuchtung zu zeigen.“ Dies hörte ich aus dem Munde des berühmten Grafen Saint-Germain, als ich bei Madame war, die unpäßlich war und im Bette lag. Der König besuchte sie, und auch der Graf wurde als willkommener Gast empfangen. Herr von Gontaut, Frau von Brancas[162] und der Abbé de Bernis[163] waren dabei ...

Eines Tages besuchte Graf Saint-Germain Madame, die unpäßlich war und auf ihrem Diwan lag. Er zeigte ihr ein Kästchen voller Topase, Rubine und Smaragde. Anscheinend besaß er Schätze davon. Madame rief mich, um all die schönen Dinge zu besehen. Ich blickte sie verblüfft an, machte aber hinten herum Madame ein Zeichen, daß ich alles für falsch hielte. Der Graf suchte etwas in einer Brieftasche, die doppelt so groß war wie ein Brillenfutteral, zog zwei bis drei kleine Päckchen hervor, wickelte sie aus, zeigte einen prachtvollen Rubin und warf geringschätzig ein kleines Kreuz auf den Tisch neben ihm. Es bestand aus weißen und grünen Steinen. Ich betrachtete es und sagte: „Das ist nicht zu verachten.“ Ich legte es an und machte eine Miene, als ob ich es sehr hübsch fände. Sogleich bat der Graf mich, es anzunehmen. Ich weigerte mich, er blieb dabei. Madame schlug es gleichfalls für mich aus. Schließlich drängte er so, daß Madame, die sah, daß es nicht mehr als 40 Louisdors wert sein konnte, mir winkte, es anzunehmen. Ich nahm das Kreuz, sehr befriedigt über die Liebenswürdigkeit des Grafen, und ein paar Tage darauf schenkte Madame ihm eine emaillierte Dose mit dem Bild irgendeines griechischen Weisen, eine Anspielung auf ihn. Übrigens ließ ich das Kreuz prüfen; es war 1500 Franken wert.

Er schlug Madame vor, ihr ein paar Emailbilder von Petitot[164] zu zeigen, und sie sagte ihm, er solle am Nachmittag während der Jagd wiederkommen. Er zeigte seine Bilder, und Madame sagte zu ihm: „Man erzählt von einer reizenden Geschichte, die Sie vor zwei Tagen beim Souper beim Premier zum besten gaben und deren Augenzeuge Sie vor 50 bis 60 Jahren waren.“ Er lächelte und sprach: „Sie ist etwas lang.“ — „Um so besser“, entgegnete Madame und schien ganz entzückt. Herr von Gontaut und die Damen kamen, und man ließ die Tür schließen. Dann winkte Madame mir, hinter einem Wandschirm Platz zu nehmen. Der Graf entschuldigte sich sehr, daß seine Geschichte vielleicht langweilen werde. Manchmal erzähle man gut, und ein andermal hätte man weniger Glück.

Saint-Germains Erzählung