„Der Marchese von San Gil[165] war zu Anfang dieses Jahrhunderts spanischer Botschafter im Haag. In seiner Jugend war er mit dem Grafen von Moncada befreundet gewesen, einem spanischen Granden und einem der reichsten Herren des Landes. Einige Monate nach seiner Ankunft im Haag erhielt er einen Brief des Grafen, der ihn bei seiner Freundschaft beschwor, ihm einen sehr großen Dienst zu leisten. „Wie Sie wissen, lieber Marchese,“ schrieb er ihm, „hatte ich den Kummer, den Namen Moncada nicht fortpflanzen zu können. Doch kurz nachdem ich Sie verlassen, erhörte der Himmel mein Flehen und schenkte mir einen Sohn. Der zeigte frühzeitig eines Mannes seiner Abkunft würdige Neigungen, aber das Unglück wollte, daß er sich in Toledo in die berühmteste Schauspielerin der dortigen Truppe verliebte. Ich schloß die Augen über diesen Jugendstreich, da ich bisher stets zufrieden mit ihm war. Als ich aber erfuhr, daß ihn die Leidenschaft derart verblendete, daß er das Mädchen heiraten wollte, und daß er ihr ein schriftliches Eheversprechen gegeben hatte, bat ich den König, sie einsperren zu lassen. Als mein Sohn von meinem Schritt erfuhr, kam er ihm zuvor und entfloh mit der Geliebten. Seit über einem halben Jahre weiß ich nicht, wohin er seine Schritte gelenkt hat, aber ich habe Grund zu der Annahme, daß er im Haag ist.“ Nun beschwor der Graf den Marchese im Namen seiner Freundschaft, die genauesten Nachforschungen anzustellen, um ihn ausfindig zu machen und ihn zur Heimkehr zu bewegen. „Es ist recht und billig,“ schrieb der Graf, „dem Mädchen eine Versorgung zu geben, falls sie das Heiratsversprechen, das sie sich ausstellen ließ, wieder herausgibt. Ich überlasse es Ihnen, die Entschädigung zu bestimmen und meinem Sohn so viel auszuzahlen, daß er in anständigem Aufzuge nach Madrid zurückkehren kann. Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben“, schloß der Graf. „Wenn ja, so können Sie sich einen Begriff von meiner Sorge machen.“ Dem Brief lag eine genaue Beschreibung seines Sohnes und seiner Geliebten bei.

Sobald der Marchese ihn erhalten hatte, ließ er in allen Gasthöfen von Amsterdam, Rotterdam und dem Haag nachforschen. Doch umsonst! Er brachte nichts heraus. Er begann schon am Erfolg seiner Schritte zu verzweifeln, als er auf den Gedanken kam, einen sehr geweckten jungen französischen Pagen dazu zu benutzen. Er versprach ihm eine Belohnung, falls es ihm gelänge, die so dringend gesuchten Personen zu entdecken, und er gab ihm deren Beschreibung. Mehrere Tage streifte der Page vergebens an allen öffentlichen Orten umher. Endlich, eines Abends im Theater, erblickte er in einer Loge einen jungen Mann und eine Dame, die er aufmerksam betrachtete. Als er merkte, daß beide, durch seine Aufmerksamkeit betroffen, sich in den Hintergrund der Loge zurückzogen, zweifelte der Page nicht mehr am Erfolg seiner Nachforschungen. Er ließ die Loge nicht aus den Augen und beobachtete gespannt alles, was darin vorging.

Als das Stück aus war, stand er in dem Gange, der von den Logen zum Portal führte, und als der junge Mann an ihm vorbeiging, bemerkte er, daß seine Tracht diesem offenbar auffiel, und daß er sein Taschentuch vor den Mund hielt, um sich unkenntlich zu machen. Unauffällig folgte er ihm bis zum Gasthof „Vicomte de Turenne“, in den er ihn mit seiner Begleiterin eintreten sah. Dann eilte er, seiner Sache gewiß, zu dem Botschafter, um ihn zu benachrichtigen.

Der Marchese von San Gil begab sich sofort, in einen Mantel gehüllt und von seinem Pagen und zwei Dienern gefolgt, nach dem Gasthof. Dort angelangt, fragte er den Wirt, wo sich das Zimmer eines jungen Mannes und einer Dame befände, die seit einer Weile bei ihm wohnten. Der Wirt machte zunächst einige Schwierigkeiten, es zu sagen, wenn der Name der beiden nicht angegeben würde. Aber der Page machte ihn darauf aufmerksam, daß er mit dem spanischen Botschafter spräche, der seine Gründe hätte, mit diesen Personen zu reden. Da sagte der Wirt, sie wünschten nicht bekannt zu werden und hätten verboten, jemand bei ihnen einzulassen, der ihren Namen nicht nenne. Aus Hochachtung vor dem Botschafter jedoch gab er ihm das Zimmer an und führte ihn selbst ins oberste Stockwerk in ein elendes Stübchen. Er klopfte an, aber es dauerte ein Weilchen, bis die Tür geöffnet wurde. Endlich, als er von neuem stark gepocht hatte, wurde sie halb geöffnet, aber beim Anblick des Botschafters und seines Gefolges wollte der, welcher sie geöffnet hatte, sie wieder schließen, indem er sagte, man irre sich wohl. Da stieß der Botschafter sie mit Gewalt auf, trat ein und gebot seinen Leuten, draußen zu warten.

Als er allein im Zimmer stand, sah er einen jungen Mann von sehr hübschem Äußeren, das vollkommen zu der Beschreibung paßte. Bei ihm war ein junges Weib, schön und von guter Figur, dessen Haarfarbe, Wuchs und Gesichtsschnitt gleichfalls mit der Beschreibung des Grafen von Moncada übereinstimmte. Der junge Mann brach zuerst das Schweigen. Er beschwerte sich über das gewaltsame Eindringen bei einem Fremden, der in einem freien Lande sei und unter dem Schutz der Gesetze lebe. Der Botschafter trat auf ihn zu, um ihn zu umarmen, und sprach: „Verstellen Sie sich nicht, lieber Graf! Ich kenne Sie und komme nicht her, um Ihnen Verdruß zu bereiten, auch der jungen Dame nicht, die mir sehr fesselnd erscheint.“

Der Jüngling entgegnete, er irre sich. Er sei kein Graf, sondern der Sohn eines Kaufmanns aus Cadix. Die junge Frau sei seine Gattin, und sie reisten zu ihrem Vergnügen. Der Botschafter warf einen Blick in das elend ausgestattete Stübchen, in dem nur ein einziges Bett stand, sowie auf das armselige Gepäck, das herumlag. „Wohnt hier, liebes Kind — gestatten Sie mir diese Anrede, zu der mich die zärtliche Freundschaft zu Ihrem Herrn Vater ermächtigt —, wohnt hier der Sohn des Grafen Moncada?“ Der junge Mann behauptete immer noch, nicht zu verstehen, was er meinte. Schließlich aber ward er durch den eindringlichen Zuspruch des Botschafters besiegt und gestand weinend, daß er Moncadas Sohn sei, daß er aber niemals zu seinem Vater zurückkehren werde, falls er das angebetete Weib verlassen müsse.

Auch sie brach in Tränen aus, warf sich dem Botschafter zu Füßen und sagte, sie wolle nicht die Ursache des Unglücks des Grafen Moncada sein. Indem ihre Hochherzigkeit oder vielmehr ihre Liebe über ihren eigenen Vorteil siegte, erklärte sie sich bereit, da es sich um sein Glück handle, sich von ihm zu trennen.

Der Jüngling gerät in Verzweiflung, macht seiner Geliebten Vorwürfe und erklärt, er wolle sie nicht verlassen und nicht dulden, daß ihr edles Herz sich gegen sie selbst, gegen ein so liebenswertes Wesen kehre. Der Botschafter entgegnet, es sei nicht die Absicht des Grafen Moncada, sie unglücklich zu machen, vielmehr sei er beauftragt, ihr eine angemessene Summe zu geben, damit sie nach Spanien zurückkehren oder leben könne, wo sie sonst wolle. Ihre vornehme Gesinnung und ihre echte Zärtlichkeit, sagte er, flößten ihm die größte Anteilnahme ein und bestimmten ihn, die Summe, die er ihr gegenwärtig zu geben beauftragt sei, so hoch wie möglich zu bemessen. Somit verspräche er ihr 10000 Gulden (etwa 30000 Franken), die ihr ausgezahlt werden sollten, sobald sie das ihr gegebene schriftliche Heiratsversprechen ausliefere und der Graf Moncada zum Botschafter übergesiedelt sei und nach Spanien zurückzukehren gelobt habe.

Das junge Weib achtet scheinbar nicht auf die Summe und denkt nur an ihren Liebhaber und den Schmerz, ihn zu verlieren, an das grausame Opfer, zu dem Vernunft und Eigenliebe sie zwingen. Dann zieht sie aus einer kleinen Brieftasche das Heiratsversprechen des Grafen und sagt: „Ich kenne sein Herz zu gut, um dies nötig zu haben“, küßt es mit einer Art Überschwang mehrere Male und überreicht es dem Botschafter, der ob solcher Seelengröße erstaunt ist. Er verspricht dem jungen Weibe, sich stets ihrer anzunehmen, und versichert dem Grafen, daß sein Vater ihm verzeihen werde. Mit offenen Armen, sagt er, werde er den verlorenen Sohn aufnehmen, der zu den untröstlichen Seinen zurückkehre; das Herz eines Vaters sei eine unerschöpfliche Quelle der Zärtlichkeit. Wie glücklich werde sein so lange bekümmerter Freund sein, wenn er diese Nachricht erhalte, und wie glücklich fühle er sich selber, das Werkzeug dieses Glückes zu sein! So redete der Botschafter auf den Jüngling ein, und dieser schien lebhaft gerührt.

Da der Botschafter indes befürchtete, die Liebe möchte in der Nacht ihre ganze Gewalt wieder erlangen und über den hochherzigen Entschluß der Dame siegen, drängte er den jungen Grafen, ihm in sein Haus zu folgen. Die Tränen und Schmerzenslaute, die diese grausame Trennung hervorrief, sind schwer zu beschreiben und rührten das Herz des Botschafters tief. Er versprach, der jungen Dame seinen Schutz angedeihen zu lassen. Das kleine Gepäck des Grafen war leicht fortgeschafft, und am Abend befand er sich im schönsten Gemache des Botschafters, der hocherfreut war, dem erlauchten Hause Moncada den Erben seiner Größe und so vieler prächtiger Besitzungen wiedergegeben zu haben.