Mit seiner Herkunft, sei es aus Portugal, sei es aus Savoyen, wäre auch leicht seine Antwort auf die diesbezügliche Frage der Prinzessin Amalie von Preußen zu vereinbaren; denn nach Thiébaults Bericht erwiderte er, seine Heimat sei ein Land mit angestammten Fürsten. Dies aber trifft sowohl auf Portugal wie auf Savoyen zu.
Was endlich die der Marquise von Créquy in den Mund gelegte Version betrifft, daß Saint-Germain der Sohn eines jüdischen Arztes Wolf aus Straßburg gewesen sei, so ist zu bemerken, daß wir es bei den „Erinnerungen“ dieser Dame mit einer groben Fälschung aus späterer Zeit zu tun haben. Ebensowenig kommt die Erzählung von Montaigne[3] in Betracht, der von einem Germain berichtet, den er in Vitry gesehen habe, und der als Mädchen aufgezogen sei, bis ein Zufall sein wahres Geschlecht ans Licht gebracht habe.
Wird das Rätsel seines Ursprunges also auch nicht ganz gelöst, so viel steht fest, daß er nicht fürstlicher Abkunft war; denn auch nicht die Spur eines Beweises läßt sich dafür beibringen.
Das Rätsel seines Alters
Nicht minder geschickt, wie er seine Herkunft zu verschleiern wußte, so auch sein Geburtsjahr. Er deutete an, daß sein Lebensalter nicht nach Jahren und Jahrzehnten, sondern nach Jahrhunderten zähle. Der Spaßvogel „Mylord Gower“, von dem der Baron von Gleichen berichtet, mußte ihm als Schrittmacher für die Fabel dienen, daß er schon ein Zeitgenosse Christi gewesen sei. In seinen Gesprächen ließ Saint-Germain gern durchblicken, daß er schon in früheren Jahrhunderten gelebt habe. Für denjenigen, der, wie Alvensleben, ihn stellen wollte, hatte er, in die Enge getrieben, die Antwort bereit, daß er sich von Zeit zu Zeit aus dem Treiben der Welt zurückziehe. Vergeblich suchen die einzelnen Berichterstatter aus seiner äußeren Erscheinung Schlüsse auf sein Lebensalter zu ziehen. Gegenüber all den Zeugnissen fremder Personen, wie der Gräfin Gergy, die ihn nach Jahrzehnten im Äußeren unverändert wiederfinden wollte, fällt das eigene Geständnis des Grafen Saint-Germain schwer ins Gewicht, der dem Prinzen von Hessen nach dessen Aufzeichnung erklärte, er sei bei seiner Ankunft in Schleswig (1779) 88 Jahre alt gewesen. Das würde ungefähr mit dem Lebensalter stimmen, das für den Sohn des Steuereinnehmers aus San Germano angegeben wird.
Aber, so könnte man einwenden, spricht nicht für sein Alter das Stammbuch mit den Eintragungen von Montaigne und dem älteren Grafen Lamberg? Darauf läßt sich mit der Gegenfrage antworten: waren diese echt? Schon der jüngere Lamberg spielt auf die Möglichkeit einer Fälschung an. Waren sie jedoch echt, wo ist dann der Beweis, daß das Album nicht erst später in den Besitz Saint-Germains gelangt ist? Denn jene Einzeichnungen sind ganz unpersönlicher Art. Damit scheidet das Stammbuch als Argument für die Frage des Alters des Grafen aus.
Das erste Auftreten
Gleichwie die Abstammung Saint-Germains ist auch die erste Hälfte seines Lebens ins Dunkel getaucht. Es heißt, daß er in Mexiko durch Heirat zu einem großen Vermögen kam und damit nach Konstantinopel durchbrannte. Für das Jahr 1735 ist sein Aufenthalt im Haag nachweisbar; denn von dort aus richtete er am 22. November dieses Jahres ein Schreiben an den englischen Gelehrten Sloane, das über einen alten Bibeldruck handelt, aber sonst keinerlei persönliche Angaben enthält[4].
Erst mit seinem Erscheinen in England ums Jahr 1744 gewinnen wir festen Boden unter den Füßen, und zwar erwähnt ihn Horace Walpole in einem Schreiben vom 9. Dezember 1745. Wir sehen Saint-Germain als Teilnehmer an dem Kampfe, den Karl Eduard Stuart, der Enkel des 1688 vertriebenen Königs Jakob II., um seine Ansprüche auf die Krone mit der englischen Regierung führte. Wagemutig war der Prätendent in Schottland gelandet, hatte Edinburg genommen und stand Anfang Dezember bereits in Derby, um auf London zu marschieren. Doch unter dem Druck der schottischen Häuptlinge, die ihm die Gefolgschaft versagten, mußte er umkehren, und die Niederlage bei Culloden (27. April 1746) besiegelte sein Schicksal.
Nach Walpoles Bericht war Saint-Germain offenbar mehr ein Mitläufer als ein Mitstreiter, wenn er nicht gar, wie es die Nachricht des London Chronicle von 1760 besagt, unschuldig in den Aufstand des Prätendenten verwickelt wurde. Jedenfalls aber spielte er keine Heldenrolle, denn die Untersuchungsakten über den Aufstand schweigen über ihn völlig[5].