Haag, 17. April 1760.

Ich habe den Kurier bis heute zurückbehalten, um Ihnen über die Ausführung Ihrer Befehle, betreffend den sogenannten Grafen Saint-Germain, eingehend berichten zu können. Gestern suchte ich den Ratspensionär auf, las ihm alles vor, was Sie mir betreffs dieses dreisten Abenteurers geschrieben haben, und bat um dessen Verhaftung und Auslieferung im Namen Seiner Majestät. Das schien ihm Verlegenheit zu bereiten, aber er versprach mir trotzdem, alles zu tun, was in der Sache von ihm abhinge ...

Der Greffier sagte mir, er zweifle nicht, daß dieser Mann an uns ausgeliefert würde. Da jedoch Herr von Bentinck der Vorsitzende des ständigen Ausschusses ist, von dem die Sache während der Abwesenheit der Generalstaaten geprüft werden muß, fürchtete ich sofort, man werde Saint-Germain das Entkommen erleichtern, und diese Befürchtung ist eingetroffen.

Ich erwartete gestern morgen weitere Nachrichten, als Herr Kauderbach zu mir kam und mich fragte, ob ich schon von Saint-Germains Flucht gehört hätte? Ich verneinte es. Darauf sagte er mir, vorgestern abend zwischen 7 und 8 Uhr sei Herr von Bentinck im Hause dieses Abenteurers gewesen[200] und hätte es vor 9 Uhr verlassen. Dann wäre Herr Pieck van Soelen[201] hingekommen, aber nicht lange geblieben. Darauf wäre Herr von Bentinck zwischen 9 und 10 Uhr nochmals erschienen und bis nach Mitternacht dageblieben. Herr von Saint-Germain sei zu Bett gegangen; um 5 Uhr früh hätte er Tee getrunken, und ein Bedienter des Herrn von Bentinck sei mit einem vierspännigen Mietswagen vor der Tür erschienen. Der Schwindler hätte ihn bestiegen, aber der Wirt könne nicht angeben, welche Straße er eingeschlagen habe, noch könne er sagen, ob Herr von Bentincks Bedienter mitgefahren sei. Diese Abreise geschah so hastig, daß er im Wirtshause seinen Degen und Koppel, sowie ein Paket mit Silber- oder Zinnspänen und ein paar Flaschen mit einer unbekannten Flüssigkeit hinterlassen habe. Ich hielt an mich, um Herrn Kauderbach meine Entrüstung über das Benehmen des Herrn von Bentinck zu verbergen. Ich sagte ihm nicht mehr, als ich ihm über das Auslieferungsgesuch sagen sollte, und fragte nur, ob er all der mir angegebenen Einzelheiten sicher sei. Er entgegnete mir, er habe sie von Saint-Germains Gastwirt, einem Sachsen, und schlug vor, diesen zu mir zu senden. Wir ließen ihn holen, und er bestätigte alles, was Herr Kauderbach mir gesagt hatte.

Als Herr Kauderbach mein Haus verlassen hatte, ließ ich den Ratspensionär um eine Audienz bitten. Er war gerade von einem großen Mahle zurückgekehrt, bei dem er seit 7 Uhr gewesen war, und schob meinen Besuch bis heute 9 Uhr morgens auf. Ich ging zu ihm und fragte ihn, wie die Angelegenheit mit Saint-Germain stände. Er entgegnete, er allein könne die Verantwortung nicht auf sich nehmen, und ich müsse durchaus Herrn von Bentinck, dem Vorsitzenden des ständigen Ausschusses, eine Denkschrift überreichen. Der Ausschuß werde wohl Saint-Germains Verhaftung beschließen, nicht aber seine Auslieferung, bevor er nicht von den Staaten von Holland bei ihrem demnächstigen Zusammentritt dazu ermächtigt sei. Ich erwiderte, daß ich auf die Überreichung einer Denkschrift an Herrn von Bentinck verzichte und ihm auch den Grund dafür sagen wolle. Dann erzählte ich ihm Saint-Germains Flucht mit allen Einzelheiten und dem, was vorhergegangen war, ohne den Gastwirt weiter zu erwähnen, und stellte alles so dar, daß er glauben mußte, ich hätte das Ein- und Ausgehen des Herrn von Bentinck in dem Gasthofe und das Erscheinen seines Bedienten mit dem Mietswagen nur durch die Wachsamkeit meiner Spione erfahren. Er schien mir über alles, was er hörte, ehrlich entrüstet. Darauf sagte ich ihm, da man dem Abenteurer vom Haag aus zur Flucht verholfen hätte, hätte er vielleicht Zuflucht in Amsterdam gefunden, und ich wolle an unseren Marinekommissar, Herrn Astier, schreiben, er solle den Schurken im Namen Seiner Majestät verhaften und bis auf weiteren Befehl in sicherem Gewahrsam halten lassen ... Ferner sagte ich dem Ratspensionär, da der Abenteurer vielleicht in anderen Provinzen der Generalstaaten Zuflucht gesucht habe, würde ich zugleich die Genehmigung Seiner Majestät einholen, einen Antrag an die Hochmögenden zu stellen, und falls insbesondere die Provinz Holland oder eine andere diesen Akt der Gerechtigkeit abschlagen oder ihn dadurch vereiteln sollte, daß sie Saint-Germain zur Flucht behilflich sei, so würden wir ihn schon zu finden wissen, und ich sei sicher, wenn er in England oder sonstwo ermittelt würde, daß er nach Friedensschluß unmittelbar an uns ausgeliefert würde. Letzteres schien den Ratspensionär sehr in Verlegenheit zu setzen, und es sollte mich nicht wundern, wenn er in Amsterdam auf unseren Antrag hin verhaftet würde, aber ich bin überzeugt, daß er die Grenze der Republik bereits erreicht hat.

Die Denkschrift[202], zu deren Einreichung an die Generalstaaten ich Ihre Erlaubnis erbitte und deren Entwurf ich hier beilege, kann, wenn es Seiner Majestät genehm ist, in allen Zeitungen erscheinen. Sie wird diesem Abenteurer einen Stempel aufdrücken, den er nie wieder los werden wird. Sie ist eine Art von Verurteilung in contumaciam, die ihn in ganz Europa brandmarkt.

Ich glaube, der Schwindler ist in arger Geldverlegenheit. Er hat sich von dem Juden Boas[203] 2000 Gulden geborgt, für die er bei dem Juden drei Opale, falsche oder echte, in einem versiegelten Papier als Pfand hinterlassen hat. Die 2000 Gulden sollen am 25. d. M. bezahlt werden, und Herr Boas sagte gestern zu Herrn Kauderbach, wenn der Wechselbrief am 25. nicht einträfe, würde er die drei Opale öffentlich versteigern lassen. Betreffs des Herrn von Bentinck werde ich gemäß Ihrem letzten Erlaß handeln, falls Seine Majestät mir nicht neue diesbezügliche Befehle erteilt. Wenn ich ihn dieser Tage treffe, werde ich mit ihm von Herrn von Saint-Germain und dessen Abreise sprechen, ohne mich bloßzustellen, aber so, daß ich ihn zwinge, sein Benehmen und seine Beziehungen zu diesem Abenteurer ein für allemal abzuleugnen.

Choiseul an Graf d’Affry

Versailles, 24. April 1760.

Der König genehmigt, daß Sie den Generalstaaten die Denkschrift über den sogenannten Grafen Saint-Germain einreichen, deren Entwurf Sie mir übersandten.