Brüssel, 28. Mai 1763.
Nach Abgang der Proben, die ich E. E. übersandte, übergab mir Herr von Surmont die beiliegende Denkschrift, die zur weiteren Erläuterung dient[354]. Ich hoffe, in einigen Tagen melden zu können, daß er uns seine Geheimverfahren angegeben hat; denn er wird morgen bestimmt mit dem jungen Nettine abreisen.
Dorn[355] an Cobenzl
Wien, 8. Juni 1763.
Der Herr Kanzler wollte heute die drei Briefe E. E. vom 27. und 28. Mai d. J. beantworten, wurde aber durch eine starke Kolik daran verhindert. Ich beehre mich also, E. E. in seinem Auftrage mitzuteilen, daß die Proben von gefärbter Seide und Wolle hier nicht die gleiche Bewunderung erregt haben wie in Brüssel. Das Färben von Holz ist keine Seltenheit und eignet sich nicht zu einem Handelsartikel, der in Wettbewerb mit über fünfzig indischen Holzarten treten muß. Diese sind eine schöner als die andere und sämtlich von einer Überlegenheit in den Farben und auch sonst für die Kunstschreinerei so viel besser geeignet, daß man sie stets Ihren billigen gefärbten Hölzern vorziehen wird. Die Metalle sind das verdächtigste und zugleich das belangloseste von all diesen Wundern. Nur das Leder scheint einige Beachtung zu verdienen. Es werden Musterkarten von gefärbter Seide und Wolle, die wir hier haben, aufgestellt werden. Neben jeder Gattung wird der Preis für ein Pfund vermerkt. Eine andere Musterkarte wird über gefärbtes Leder aufgestellt werden. Die Metalle werden chemisch geprüft und analysiert werden. E. E. sollen alle Auskünfte erhalten, die wir uns über diese Dinge beschaffen können.
Inzwischen aber sind wir weit entfernt, sie für so äußerst gewinnbringend zu halten, wie man es in den Niederlanden hofft. Der Herr Kanzler kann also nicht umhin, E. E. mitzuteilen, daß alle Vorarbeiten, die etwa zur Herstellung im Großen im Gange sein sollten, einzustellen sind, und daß mit Herrn von Surmont nichts abzuschließen ist, bis wir in der Lage sind, Ihnen den ausdrücklichen Befehl Ihrer Majestät hierüber kundzugeben.
Damit soll aber nicht alles verworfen werden. Unter diesen Geheimverfahren befinden sich einige, die, im Kleinen angewandt, wohl etwas Gewinn abwerfen könnten. Aber nach den Proben zu urteilen, befindet sich darunter nichts, dessentwegen man so große Ausgaben aufs Spiel setzen dürfte, wie sie schon die Vorbereitungen zur Anlage eines Großbetriebes vielleicht erfordern.
Herr von Surmont verspricht uns in seiner Denkschrift zwar Fortschritte in der Feinheit und Leuchtkraft der Farben; er müßte aber doch wissen, daß wir uns ein Urteil darüber nur aus den Proben bilden können, und die sprechen so wenig zu seinen Gunsten, daß unsere hiesigen Farben für Seide weit besser sind als die seinen. Es überrascht uns hier etwas, daß man seine Erzeugnisse nicht mit anderen verglichen hat, oder, wenn dies geschehen ist, daß man sich hat täuschen können. Man hat in Brüssel — oder sollte sie doch haben — die prachtvollen englischen und die glänzenden, schönen französischen Farben, mit denen die des Herrn von Surmont keinen Vergleich aushalten. Werden diese doch selbst von unseren Wiener Farben übertroffen. Die Billigkeit kann diesen Mangel nicht aufwiegen; denn entweder will man nur für den Absatz in den Niederlanden arbeiten, und dann ist die Sache gewiß nicht der Mühe wert, oder man will auch ans Ausland verkaufen und dessen Seiden zum Färben ins Land ziehen. Im letzteren Falle würden aber die Frachtkosten und Kommissionsgebühren, der Zeitverlust und zu alledem die Minderwertigkeit der Farben den Gewinn, der aus der Billigkeit entspringen könnte, auf ein Nichts herabdrücken. Das Färben ohne Cochenille und Indigo ist kein Kunststück. Kunckel, Lémery[356] und viele andere sehr verbreitete Bücher geben das Geheimnis und das Verfahren der Herstellung an. Nur wenn man ohne diese Farbstoffe so lebhafte, schöne, leuchtende und haltbare Farben herstellen könnte wie diejenigen, die auf Cochenille, Indigo und anderen teuren Farbstoffen beruhen, so wäre das ebenso ertragreich wie selten. Aber gerade das vermißt man bei den Surmont’schen Proben.
Was ich E. E. mitzuteilen habe, schließt nicht aus, daß Sie Herrn von Surmont in der bisherigen Weise weiter empfangen. Im Gegenteil, man darf ihm kein Mißtrauen zeigen. E. E. wollen nur darauf bedacht sein, nichts zu unternehmen, nichts abzuschließen und keine erhebliche Ausgabe zu machen, bis der Herr Kanzler Ihnen die Absichten Ihrer Majestät über die Gesamtheit Ihrer Unternehmungen mitteilen kann. Hiervon wollen E. E. auch Frau Nettine in Kenntnis setzen.
Dorn an den Kommerzienrat Thys in Klagenfurt