Auch die Geschichte von seinen Wertsachen, die auf eine Million geschätzt und doch in Seeland verpfändet sind, erscheint mir höchst verdächtig. Ein so schwer reicher Mann, der ein ganzes Peru in seiner Brieftasche trägt, verpfändet seine Wertsachen und besitzt ein Landgut, das er noch nicht bezahlt hat! Wie Sie mir zugeben werden, lieber Graf, sind das auffällige Widersprüche.
Aber schließlich halten die von Ihnen gesehenen und von Sachverständigen geprüften Tatsachen mich ab, diesen Zweifeln und Schwierigkeiten ganz nachzugeben. Ich bin nicht überzeugt, aber ich möchte es werden, und deshalb mache ich mir Sorge darüber, daß Sie sich für die Anlage von so kostbaren Manufakturen eine Stadt an der Grenze ausgesucht haben. Sie müssen dort notgedrungen die ganze Aufmerksamkeit und Eifersucht unserer Nachbarn erregen. Auch Herr von Surmont selbst ist dort nicht völlig sicher. Ich bin wirklich überrascht, Herr Graf, daß Sie, der Sie sich als Augenzeuge gewiß mehr von seinen Geheimmitteln versprechen, als ich bisher zu hoffen vermag, nicht gefürchtet haben, den ganzen Kram so aufs Spiel zu setzen, indem Sie ihn in Tournai anlegen. Doch auch das wird seine Gründe haben. Somit erwarte ich mit Spannung Ihre Denkschrift und Ihre Proben.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 19. Mai 1763.
Ich will E. E. heute nicht mit langen Einzelheiten über Herrn von Surmont belästigen; denn ich hoffe, bald einen eingehenden Bericht übersenden zu können. Alles Wunderbare oder Unbegreifliche überrascht, selbst wenn man es greifbar vorgeführt sieht. Die vorzügliche Qualität und die Billigkeit muß uns den Vorrang in der Färberei und Gerberei geben. Ich hoffe, die Proben zu erhalten, und werde sie E. E. sofort übersenden. Inzwischen darf ich versichern, daß ich keinen Schritt ohne Frau Nettine tue, und daß wir uns in den Ausgaben beschränken. Als Ort habe ich Tournai bestimmt, weil die Anlage dort billiger ist und ich dort einen Vertrauensmann und Sachverständigen für die Manufakturen (Rasse) habe, schließlich auch, weil ich dort am wenigsten Schwierigkeiten mit den abscheulichen Zünften befürchte. Mein Mann kommt heute aus Tournai zurück und wird in zwei bis drei Tagen mit Herrn von Nettine wieder hinfahren. Dieser letztere allein soll in das Geheimverfahren eingeweiht werden, und dies ist derart, daß weder die Arbeiter noch die Werkmeister es je erraten können. Frau Nettine hat bei ihrer Reise nach Paris nichts Ungünstiges über unseren Mann gehört und sich durch ihre Schwiegersöhne die Sicherheit verschafft, daß wir bei keiner einzigen Unternehmung Widerstand zu befürchten haben. Sobald Herr Nettine das Geheimverfahren kennt, werden wir einen richtigen Vertrag aufsetzen, den ich E. E. zur Genehmigung unterbreiten werde. Damit werden unsere großen Hoffnungen, die ich auf das Unternehmen setze, zur Gewißheit werden.
Brüssel, 27. Mai 1763.
Ich beehre mich, E. E. die Proben von Metall, gefärbter Seide, Wolle, Leder und Holz zu übersenden. Ich habe die Päckchen mit den vom Erfinder versehenen Aufschriften und den von ihm gegebenen Erläuterungen gelassen. Ich hoffe, E. E. werden alles vortrefflich finden. Ich wiederhole nur, daß all diese schönen Färbungen mit den einfachsten Mitteln hergestellt sind, und daß keine Cochenille verwandt ist; somit ist alles sehr billig. Alle anderen Farben sind in gleicher Weise zu erzielen. Grün gefärbte Seide, Wolle oder Holz habe ich nicht gesehen, aber wie mein Mann sagt, kann er auch das machen.
Sehr wichtig ist, wie ich selbst nachgeprüft habe, daß man nach erfolgter Färbung aus dem Farbwasser die schönsten Malfarben, selbst Ultramarin, gewinnt; bisher aber brauchte man zum Blau Cochenille. Der Erfinder glaubt jedoch, ein Verfahren zu finden, wo dies sich erübrigt. Doch ich kann nur für das einstehen, was ich selbst sah.
Nächsten Sonntag[353] fährt er mit Nettine nach Tournai und wird uns alle seine Geheimverfahren angeben. Nettine wird sie selbst ausprobieren, bis er sicher ist, sie nachahmen zu können. Danach werden wir unseren Vertrag entwerfen, und ich werde ihn E. E. zur Genehmigung vorlegen.
Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß diese Farben nicht die einzigen sind, mit denen wir färben können. Befehlen E. E. noch andere zu haben, so bedarf es nur der Zusendung einer Probe.