Die unbesonnene Bemerkung, die ihm entfahren sein soll, kann zutreffen. Wie gesagt, ist er in dieser Hinsicht ruhmredig. Ein Mensch, der seine Herkunft verbergen will, macht bisweilen ungewöhnliche Äußerungen, um die, welche ihn ausforschen wollen, irrezuführen. Aber nochmals: das tut nichts zur Sache.
Die Person, die ihn durch Überraschung entlarven wollte, hat ihn nicht gekannt. Er hat tausend Chemikalien in seinem Zimmer, mit denen er gar nichts macht. Er streut sie umher, damit man nicht auf die kommt, die er wirklich benutzt. Bei seinem Charakter wird man ihm sein Geheimnis durch Überrumplung nicht entreißen. Er überläßt es mir aus Freundschaft, und sicher wird er es nicht anders überlassen.
Er spricht von seinen Reichtümern und muß große besitzen; denn überall, wo er war, hat er prachtvolle Geschenke gemacht, viel ausgegeben und nie jemand um etwas gebeten, auch nirgends Schulden hinterlassen. Der Umstand mit dem Landgut des Herrn von Saint-Florentin ist mir nicht bekannt. Aber ich habe Einsicht in Schriftstücke gehabt, aus denen ich den Grund seiner Reise nach Holland ersah. Es handelte sich um folgendes.
Der Marschall Belle-Isle, dem er besonders nahestand, schickte ihn insgeheim nach Holland, um mit dem General Yorke über einen Sonderfrieden zu verhandeln. Das hat er getan; d’Affry wurde eifersüchtig und beschwerte sich lebhaft. Der Herzog von Choiseul war über die Sache wie über die Form aufgebracht und verfuhr gegen Saint-Germain in der allgemein bekannten Weise[346].
Ich habe die Schriftstücke gesehen und finde auf Saint-Germains Seite kein Verschulden. Aber selbst wenn ein solches vorläge, täte es nichts zur Sache; denn hier handelt es sich nur um Erlangung seiner Geheimmittel. Ich habe anfangs gefürchtet, daß Frankreich, nachdem es ihn aus Holland und England vertrieben hat, ihn auch hier verfolgen möchte. Aber er ist schon seit vier Monaten hier, und Frankreich hat bisher nichts unternommen. Daß dies noch geschehen könnte, fürchte ich um so weniger, als Frau Nettine den Grafen Starhemberg[347] und Herrn de Laborde[348] aufklären wird, und diese werden sicher verhindern, daß Frankreich bei uns seinethalben vorstellig wird.
Nach seiner Abreise aus England hat er sich in Holland aufgehalten. Er hatte dort besonders enge Beziehungen zum Grafen Bentinck[349], Herrn van Gronsfeld-Diepenbroek[350] und dem Bürgermeister Hasselaar[351] in Amsterdam. Er hat das Gut Ubbergen gekauft[352], nach dem er sich Surmont nennt. Dort wollte er eine Manufaktur einrichten. Der Zufall führte ihn hierher, und er besuchte mich auf der Durchreise. Seine Kenntnisse in der Malerei und Zeichenkunst bildeten den Anknüpfungspunkt; allmählich kam er auf seine Entdeckungen zu sprechen. Infolge meiner Ungläubigkeit ging er auf Einzelheiten ein. Da ich für Freundschaft empfänglich bin, bezeigte ich ihm die meine und machte ihn mit Frau Nettine bekannt. Die ausgezeichnete Erziehung, die sie ihren Kindern gibt, machte ihm Eindruck, und er schloß sich derart an sie und an mich an, daß ich glaube, wir könnten ihn zu allem bringen.
Das ist seine ganze Geschichte. E. E. werden sobald wie möglich genaue und ausführliche Einzelheiten über alle unsere Versuche nebst den Proben unserer Erzeugnisse erhalten und daraus erkennen, daß die Sache ihre Richtigkeit hat. Inzwischen wollen E. E. überzeugt sein, daß wir uns auf übermäßige Ausgaben nicht einlassen werden, und daß ein glücklicher Zufall uns durch diesen Mann, mag er sein, wer er will, ein Mittel geschenkt hat, um unsere Provinzen zu bereichern und den Staatsfinanzen einen vielleicht über Erwarten großen Gewinn zu verschaffen.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 10. Mai 1763.
Die Auskünfte Eurer Exzellenz zur Behebung meiner Zweifel an all den Wundern, die Herr von Surmont zugunsten unserer Finanzen wirken soll, vermehren nur meine Überraschung. Noch einmal: ich habe gegen Tatsachen nichts einzuwenden und glaube, wie E. E. schreiben, daß man mit einer Chemikalie, mit der man ein Stück Stoff färbt, auch mehrere färben kann. Weniger leicht ist der Nachweis, daß, wenn das Färben eines Stückes nur einen Gulden kostet, das Färben von tausend Stück sich nur auf tausend Gulden beläuft. Zur Herstellung im Großen bedarf es der Vorbereitungen, besonders bei chemischen Verfahren. Dazu kommt die Verwaltung, die Notwendigkeit, seine Geheimverfahren einer großen Zahl von Menschen mitzuteilen, tausend Zufälle, die durch Nachlässigkeit, Untreue oder Faulheit der Arbeiter entstehen, die Preissteigerung der Herstellungsmittel infolge starken Bedarfes. Alle diese Unkosten müssen berechnet und von dem Gewinn abgezogen werden, der aus einem Versuch im Kleinen errechnet ist. Hier gilt nicht die gewöhnliche Rechnung, daß zwei mal zwei vier ist. Deshalb gab ich E. E. zu bedenken, daß zwischen einem Versuch im Kleinen und der Herstellung im Großen ein himmelweiter Unterschied ist, und daß man bei dergleichen Untersuchungen nicht auf einfachen Versuchen fußen kann. Bliebe mir somit auch nicht der geringste Zweifel mehr über das Vorhandensein der wunderbaren Geheimverfahren des Herrn von Surmont, so kann ich mich doch nicht überzeugen, daß sie im Großbetrieb einen so sicheren und gewaltigen Gewinn abwerfen, wie er ihn in Aussicht stellt.