Eigenhändiges Marginal Maria Theresias
Ich bin völlig überzeugt, daß das von Ihnen entworfene Bild mehr zutrifft als das Cobenzl’sche und daß diese Torheit geheim gehalten werden muß. Ich wünschte, der Minister wäre von ihr geheilt.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 28. April 1763.
Auf den Erlaß vom 19. d. M. versichere ich zunächst, daß die Wunder, die ich täglich sehe, so groß und zugleich so einfach und so leicht sind, daß es mich gar nicht wundern würde, wenn E. E. nicht daran glauben wollten. Auch mir fiel es schwer, das zu glauben, was ich selbst gesehen habe und dann andere sehen ließ, die bessere Augen haben als ich. Jedes chemische Verfahren muß selbst denen verdächtig sein, die in dieser Wissenschaft besser Bescheid wissen als ich. Aber wie soll man den Glauben an etwas verweigern, das sich vor den eigenen Augen abspielt, das man selbst macht und das im großen wie im kleinen das gleiche sein muß? Denn es ist doch ausgeschlossen, daß mit einem Mittel, womit ein Stück gefärbt wird, nicht auch hundert Stück zu färben sind. Dazu kommt die völlige Klarheit der physikalischen Gründe, so daß man erkennt, daß Ursache und Wirkung gleich unfehlbar sind.
Wie ich E. E. schon berichtete, sind die Kosten nicht übermäßig, und die weiteren Ausgaben sollen aus dem Gewinn bestritten werden. Zur Verwandlung des Eisens, zum Färben von Holz, Wolle, Seide, Stoffen und Leder sind bereits folgende Einrichtungen getroffen. Wir haben einen guten, zuverlässigen Fabrikanten in Tournai[345] angenommen und lassen dort die nötigen Vorbereitungen treffen. Wir haben ihm den jungen Lannoy beigegeben, den E. E. in Wien oft gesehen haben. Alles wird so weit vorbereitet, daß Frau Nettines Sohn am 15. oder 16. Mai, nach der Rückkehr seiner Mutter von ihrer Reise nach Paris, die sie am 1. antritt, nach Tournai fahren kann, um dort das Verfahren zu sehen, das Geheimnis zu erfahren und die Herstellung zu lernen.
Bevor ich Punkt für Punkt auf die Mitteilungen über unseren Mann antworte, bitte ich E. E. zu bedenken, daß er nichts von uns verlangt und mir sein Geheimnis überlassen will. Seine persönlichen Eigenschaften sind uns ziemlich gleichgültig, wofern er uns sein Geheimnis preisgibt, das ich zum Teil schon besitze und das ich auf die obengenannte Weise ganz erfahren werde. Nur darauf kommt es an.
Ich sprach zuversichtlich von den Reichtümern dieses Mannes. Folgendes weiß ich darüber. Er besitzt ein Landgut in Holland, das zu zwei Dritteln bezahlt ist, und Wertsachen, die der Kaufmann, der sie in Seeland verpfändet hat, auf über eine Million schätzt. Diese Wertsachen läßt er herkommen, um sie bei Frau Nettine zu hinterlegen. Alles soll in einer Denkschrift von berufener Feder ausführlicher dargelegt werden. Bis dahin bitte ich E. E. versichert zu sein, daß ich sparsam und nur im Einvernehmen mit Frau Nettine vorgehen werde.
Ich komme zu den Anekdoten, die E. E. mir gütigst mitteilten. Die großen Fähigkeiten, die man unserem Manne zuschreibt, sind Tatsache, aber, wie ich hinzufügen muß, verachtet er die Adepten, und abgesehen von den Unterredungen, die er mit dem Allerchristlichsten König, der Marquise und den Ministern hatte, besitzt er viele Briefe von der Marquise und den Ministern, von denen er Gebrauch machen könnte, wenn er sich für die Härte rächen wollte, mit der Frankreich ihn behandelt hat.
Er stammt bestimmt aus einem erlauchten Hause, aber das tut nichts zur Sache, und so muß ich ihm gegenüber das Geheimnis wahren, das er mir darüber anvertraut hat. Er prahlt allerdings gelegentlich damit, aber unmöglich kann man an seinen Wundern zweifeln. Ich habe ihm tausend Einwände gemacht, aber er hat sie alle widerlegt: Ursache und Wirkung haben mich völlig überzeugt.