Trotz seiner einstudierten Miene und seines wohl überlegten Benehmens, seiner zurechtgelegten Reden und seines stets auf die Umwelt berechneten Auftretens entschlüpften ihm Unvorsichtigkeiten und Prahlereien, die die Illusion hätten zerstören müssen. Eines Tages vergaß er sich so weit, an einer Tafel, an der die erlauchtesten Personen des Hofes saßen, zu sagen, nur das Haus Bourbon sei ihm auf Erden ebenbürtig.

Ein Mann, der einem seiner größten und erlauchtesten Bewunderer nahestand, sah mit Kummer, wie dieser Herr sich blindlings in die Hirngespinnste des Grafen Saint-Germain verrannte, und wagte ihm gegenüber einige Zweifel zu äußern. Er fand zunächst schroffe Zurückweisung, ließ aber nicht locker und setzte es durch, den Grafen Saint-Germain in seiner Wohnung in Paris überraschen zu dürfen. Er ging tatsächlich hin und fand ihn in einer ziemlich unsauberen Wohnung. Er fragte ihn über seine Geheimmittel aus, bekam von ihm aber nur ein paar Farbproben zu sehen, sowie eine Art von Zauberbuch, eine alte Scharteke mit Angaben über chemische Prozeduren, deren Wertlosigkeit schon bei flüchtiger Durchsicht sofort erhellte.

Diese Feststellungen, die er dem genannten Herrn mitteilte, erschütterten Saint-Germains Kredit. Obwohl er immer nur von seinen Reichtümern, von seinen Geldmitteln an allen Plätzen Europas, von den Schiffen, die er auf dem Meere hatte, und von seiner Beteiligung an allen bekannten Banken erzählte, beging er die Unklugheit, vom Grafen Saint-Florentin ein Landgut für 1800000 Franken zu kaufen und einen förmlichen Kaufvertrag aufzusetzen. An den Tagen, wo die Raten fällig waren, trafen keine Zahlungen noch Wechselbriefe ein, und der Käufer verließ Frankreich.

In Holland angelangt, sprengte er aus, er hätte vom Allerchristlichsten König Vollmacht zu Friedensverhandlungen mit England[342]. Herr d’Affry schöpfte Verdacht, meldete Saint-Germains Äußerungen an seinen Hof und erhielt vom Minister des Auswärtigen Befehl, ihn verhaften zu lassen. Saint-Germain bekam Wind davon und entfloh nach England. Dort hielt er sich nur sehr kurz auf, vermutlich, weil das englische Ministerium, das damals mit dem Versailler Hof unterhandelte, eine Frankreich verdächtige Person nicht aufnehmen wollte. Man riet ihm, das Land zu verlassen.

Seitdem hat die Öffentlichkeit den eigenartigen Mann aus den Augen verloren. Man glaubte, er hätte sich nach Berlin begeben, aber wahrscheinlicher ist es, daß er sich in Holland verborgen hielt.

Kaunitz an Maria Theresia

Wien, 22. April 1763.

In der Generalverwaltung der Niederlande bereitet sich eine Szene vor, deren Ausgang mir so zweideutig erscheint, daß ich mich verpflichtet fühle, Eure Kaiserliche und Apostolische Majestät schon jetzt darauf vorzubereiten, wie ich diese Komödie ansehe.

Aus dem beiliegenden Auszug eines Berichtes des Grafen Cobenzl[343] ersehen E. M., welche Wunder ein seltsamer Mann, der vor vier Jahren unter dem Namen eines Grafen Saint-Germain in Frankreich auftrat, zur Bereicherung Ihrer Finanzen und Untertanen vollbringen will. Graf Cobenzl spricht mit solcher Zuversicht von dem völligen Gelingen mehrerer unter seinen Augen gemachter Versuche. Mehr noch: Frau Nettine geht so hitzig darauf ein, daß ich die Möglichkeit der Sache nicht abzustreiten wagte, obgleich ich versucht bin, das Ganze als bloße Vision und Betrügerei anzusehen. Ich habe den Grafen Cobenzl also aufgefordert, äußerst vorsichtig zu sein, keine Staatsgelder aufs Spiel zu setzen und Nachforschungen über die Reichtümer seines angeblichen Orakels anzustellen, von denen er und Frau Nettine mit solcher Begeisterung, indessen ohne nähere Angaben, sprechen. Zu dem Zweck habe ich dem Grafen Cobenzl die gleichfalls beiliegende Antwort erteilt und die Anekdoten über das Leben des angeblichen Grafen Saint-Germain beigefügt[344], die zu meiner Kenntnis gelangt sind.

Damit habe ich ihre großen Pläne weder verworfen noch gebilligt. Möglicherweise befinden sich unter der großen Zahl von Geheimmitteln, deren Ausbeutung so glänzende Erfolge verspricht, auch ein paar recht brauchbare. Möglicherweise aber löst sich auch alles in Dunst auf. Auf jeden Fall wäre es angezeigt, wenn E. M. den Inhalt meines Berichts geheim halten wollten; denn im ersteren Falle würde Saint-Germain zu sehr eine Entlarvung fürchten, und im zweiten müßte man die Schwachheit der Regierung, die sich von einem Schwindler anführen ließ, mit einem Schleier zudecken.