Diese Einzelheiten sind noch sehr unvollkommen, aber ich bitte E. E., sie nur als vorläufigen Bericht über eine Sache zu betrachten, die für die Staatsfinanzen und die Wohlfahrt der Völker Ihrer Majestät von größter Bedeutung werden kann und muß. Zugleich versichere ich E. E., daß ich keine beträchtliche Summe aufs Spiel setzen werde. Bald werde ich ausführlicher berichten und eine genaue Berechnung des Gewinns, die ich schon in Arbeit habe, einsenden. Inzwischen bitte ich um Gutheißung des Geschehenen. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich versichere, daß die Sache für das Wohl der Monarchie von größter Wichtigkeit ist.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 19. April 1763.
Ich will heute nur auf die Wunder eingehen, die der berüchtigte Graf Saint-Germain aus Freundschaft für E. E. vollbringen will. Ich sehe die Dinge aus der Entfernung und somit ohne den Zauber der Aufmachung. Aber Sie schreiben mir von Tatsachen, von unter Ihren Augen gemachten Versuchen, die die strengsten Prüfungen und Untersuchungen siegreich bestanden haben. Was soll man dazu sagen? Nur das eine, daß der Zweifel, ob das alles richtig gesehen wurde, hier um so begründeter ist, weil einerseits auch die gescheitesten Leute auf chemische Versuche hereingefallen sind, und weil andrerseits zwischen Versuchen im Kleinen und der Herstellung im Großen ein himmelweiter Unterschied ist. Ein Modell ist noch keine Maschine, und ein Versuch beweist noch nichts zu Gunsten einer Fabrik, deren Anlage kostspielige Vorbereitungen, unsichere Vorschüsse und sehr teure Betriebseinrichtungen kostet. Ich weiß nicht, was E. E. bereits für den Betrieb im Großen beschlossen haben. Frau Nettine scheint die gleichen Erwartungen wie E. E. an den Erfolg dieser Unternehmung zu knüpfen. Herr Walckiers leitet den wirtschaftlichen Teil, d. h. die Verwaltung. Das kann auch den ängstlichsten Finanzmann beruhigen.
Aber der Charakter des sonderbaren Mannes, der mehr geeignet ist, die Menschen zu betören als sie zu überzeugen, flößt mir kein Vertrauen und keine Sicherheit ein. Beiliegend ein paar Anekdoten über sein Leben. Ich stehe zwar nicht für ihre Richtigkeit ein, doch war ihr Verfasser an den Szenen beteiligt, die sich in Frankreich abgespielt haben. Der Rest ist allgemein bekannt. Das Stück ist in der Tat eine Komödie. Nur fürchte ich ein wenig, wir werden den Stoff für ihren letzten Akt liefern, und darum halte ich es für unklug, für die Inszenierung eine beträchtliche Summe aufs Spiel zu setzen.
Zudem sprechen E. E. sehr zuversichtlich von den Reichtümern des Herrn von Surmont. Welche Gewißheit haben Sie darüber? Welcher Art sind diese Reichtümer? Bestehen sie in Geld, Wertpapieren, Landbesitz, Handelseffekten? Hier sind viele Nebel zu verscheuchen, bevor wir klar sehen. Ich möchte, daß E. E. sowohl über die Grundlage des Unternehmens wie über die Verhältnisse des Erfinders Auskünfte einziehen, um meine Zweifel zu beheben, und daß Sie die mir in Aussicht gestellte Denkschrift durch einen Sachverständigen ausarbeiten lassen, der die Einzelheiten klar und deutlich anordnet und in seinem Gutachten soviel Licht verbreitet, daß wir die Dinge zu beurteilen vermögen.
Alles, was ich Ihnen schreibe, steht noch unter dem ersten Eindruck Ihrer Mitteilung von den Wundern, die Sie uns verheißen. Ohne die von Ihnen angeführten Tatsachen hätte die Sache mich eher belustigt als mir Eindruck gemacht. Aber es kommt gegenwärtig vor allem darauf an, die Interessen Ihrer Majestät nicht aufs Spiel zu setzen. Das muß ich Ihnen besonders anempfehlen. Ich erwarte mit Spannung positivere Auskünfte.
Anekdoten über die wunderbare Persönlichkeit, die sich gegenwärtig in Brüssel aufhält[341]
Vor vier Jahren lebte dieser eigenartige Mann in Frankreich unter dem Namen eines Grafen Saint-Germain.
Er besaß angeborene Beredtsamkeit, sprach mehrere Sprachen fließend, war fein gebildet, verstand den Geschmack, die Neigungen und Schwächen derer zu erfassen, deren Vertrauen er gewinnen will, kannte alle Kniffe und Pfiffe der Adepten gründlich und wußte sich von den Großen am Versailler Hofe bewundern und umwerben zu lassen, ja sogar mehrere geheime Unterredungen mit dem König und der Marquise (von Pompadour) zu erlangen. Er fand solchen Anklang, daß man nicht nur von seiner erlauchten Herkunft überzeugt war, sondern auch glaubte, er werde die Finanzen durch sein tiefes Wissen und seine wunderbaren Geheimmittel wiederherstellen, und Wohlstand werde unter seiner wohltätigen Schöpferhand erblühen. Diese Bezauberung währte eine Weile. Er hielt alle, die sich einen Anteil an seiner Freigebigkeit und an den von ihm versprochenen Wundern versprachen, in einer Art von Ehrfurcht, so daß sie sogar auf das Recht des Zweifels verzichteten. Sie wagten ihm nicht die geringste Frage über die Möglichkeit seiner wunderbaren Geheimmittel zu stellen, um dies schöpferische Wesen nicht zu kränken.