Karl Graf Cobenzl

SAINT-GERMAIN IN DEN ÖSTERREICHISCHEN NIEDERLANDEN (1763)

I
Aus dem Schriftwechsel des Grafen Karl Cobenzl[337]

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 8. April 1763.

Vor etwa drei Monaten ist der unter dem Namen Saint-Germain bekannte Mann hier durchgekommen und hat mich aufgesucht. Ich fand in ihm den seltsamsten Menschen, der mir im Leben begegnet ist. Seine Herkunft kenne ich noch nicht genau; ich glaube jedoch, daß er einer heimlichen Verbindung aus einem mächtigen und berühmten Hause entsprossen ist. Er ist im Besitz großer Mittel, lebt aber äußerst einfach. Er weiß alles und zeigt eine bewundernswerte Rechtschaffenheit und Seelengüte.

In einem zahlreichen Bekanntenkreise hat er vor meinen Augen einige Versuche gemacht, von denen ich Eurer Exzellenz einige Proben senden werde. Die wesentlichsten bestehen in der Verwandlung von Eisen in ein Metall, das ebenso schön ist wie Gold und sich wenigstens ebenso zu allen Goldschmiedearbeiten eignet, ferner in der Färbung und Bearbeitung von Leder in einer solchen Vollkommenheit, daß es alle Maroquins der Welt und die vollkommensten Gerbverfahren übertrifft. Auch die Seiden- und Wollfärberei hat er zu einer bisher unbekannten Vollendung gebracht. Hölzer färbt er in den lebhaftesten Farben, und zwar durch und durch, ohne Indigo oder Cochenille, mit den einfachsten Zutaten und somit sehr billig. Er stellt auch Malfarben her, das Ultramarin so tadellos wie das aus Lapislazuli gewonnene. Schließlich nimmt er den zum Malen verwendeten Ölen den Geruch und stellt aus Rüböl und anderen noch schlechteren Stoffen das beste Provencer Öl her.

Alle diese Erzeugnisse sind vor meinen Augen hergestellt und befinden sich in meinen Händen. Ich habe sie aufs schärfste prüfen lassen, und da ich einen Millionengewinn darin erblicke, habe ich die Freundschaft, die er mir erweist, dazu benutzt, ihm alle seine Geheimnisse zu entlocken. Er überläßt sie mir und verlangt nur einen angemessenen Gewinnanteil, wohlverstanden, erst wenn ein Gewinn da ist.

Da alles Wunderbare notwendig zweifelhaft erscheinen muß, habe ich die zwei Klippen vermieden, mich täuschen zu lassen und mich auf übermäßige Ausgaben einzulassen. Zur Vermeidung der ersten Klippe habe ich einen Vertrauensmann herangezogen, in dessen Gegenwart ich die Versuche vornehmen ließ. Dabei habe ich mich voll überzeugt, daß es mit diesen Erzeugnissen seine Richtigkeit hat und daß sie billig sind. Betreffs des zweiten Punktes habe ich Herrn von Surmont — so nennt sich Saint-Germain jetzt — einen guten, zuverlässigen Kaufmann aus Tournai[338] beigegeben, bei dem er jetzt arbeitet. Die sehr geringen Vorschüsse habe ich durch Frau Nettine[339] zahlen lassen, deren Sohn und Schwiegersohn, Herr Walckiers[340], diese Manufaktur leiten sollen, sobald die Einnahmen aus den ersten Versuchen uns in den Stand setzen, sie ohne Risiko anzulegen. Der Augenblick des Gewinnes steht schon bevor, denn zwei unserer besten Kaufleute, Barbieri und Francolet, sind über die Schönheit der Seidenfarben so entzückt, daß sie mir zur Zeit alle Seiden zum Färben geben, die sie in den hiesigen Provinzen wie in ganz Niederdeutschland vertreiben.