Die Vorstellung, die Sie immer noch von den angeblichen Geheimnissen Ihres Adepten haben, steigert sich nachgerade zur Begeisterung. Das geht über meine Begriffe. Da Sie an Ort und Stelle die gefärbten Stoffe mit den englischen, französischen und holländischen vergleichen und durch sachkundige Kaufleute den Umsatz der Färberei in Europa abschätzen lassen können — wie ist es da denkbar, daß Sie sich einbilden, Ihre Farben, die, bis auf das Gelb, tatsächlich ganz gewöhnlich sind, würden Nachfrage finden oder es ergäbe sich die Möglichkeit zu einem anständigen Gewinn? Dabei spreche ich gar nicht einmal von dem Riesengewinn, den man Ihnen eingeredet hat. Da Sie absolut nichts Neues zu bieten haben, kommt auch ein Monopol gar nicht in Frage, der einzige Weg, auf dem sich Neuheiten wenigstens für eine Zeitlang ausbeuten lassen.
Ihre Hölzer und Metalle sind nur Armseligkeiten — verzeihen Sie mir den Ausdruck, mein lieber Graf! Von dem Holze zu reden, lohnt nicht einmal die Mühe. Was haben Sie mit dem Metall vor? Gesetzt, es eignete sich zur Herstellung von Leuchtern, Lichtputzern, Feuerzeugen usw., wollen Sie für das alles Werkstätten anlegen oder das Metall in Barren oder Blöcken verkaufen? In diesem Falle wird es entweder nachgeahmt, und Sie haben nur die Unkosten davon, oder es kommt in Mißkredit durch die Mängel, die so viele verschiedene minderwertige Verbindungen von Kupfer und Zink in Verruf gebracht haben, wie Tombak, Similor u. a. m., die eines guten Goldüberzuges bedürfen, um erträglich zu sein. Im ersten Falle aber frage ich: Wo ist die Aussicht auf Riesengewinne? Wo ist auch nur die Möglichkeit, die Konkurrenz so vieler, schon bestehender derartiger Fabriken aus dem Felde zu schlagen? Welche Sicherheit haben Sie, auch nur die Anlage-, Verwaltungs- und Betriebskosten zu decken?
Von Ihren Ölen will ich schweigen. Wie ich mir Ihren Abenteurer vorstelle, muß ich glauben, daß es ihm gelingen wird, Ihnen auch hierbei wie bei allem übrigen etwas vorzumachen. Wie, Herr Graf? Jemand, der anderthalb Millionen Vermögen und so wunderbare Geheimmittel besitzt, sollte nicht selbst Gebrauch davon machen, sondern Ihnen aus purer Freundschaft seine Reichtümer ausliefern? Wahrhaftig, ein derartiges Benehmen spricht aller Wahrscheinlichkeit zu sehr Hohn, als daß es auf irgendwen Eindruck machen könnte. Wäre der Mann seiner Sache gewiß, er brauchte Sie nur um Genehmigung zu bitten und dann auf eigene Rechnung zu arbeiten. Aber seine Geheimmittel werden teuer zu stehen kommen, so sagen E. E. jetzt selbst, und doch soll ihre Ausbeutung spottbillig sein. Mich deucht, wir stehen damit vor der Lösung des Knotens, und so erklärt sich auch die Freundschaft, die ihn zu seinen vertraulichen Eröffnungen gedrängt hat.
Wie dem aber auch sei, ich habe Sie rechtzeitig gewarnt, kein Geld auf Kosten Ihrer Majestät aufs Spiel zu setzen. Ich nehme daher an, daß Sie nicht zu weit gegangen sind, und warne Sie nochmals, etwas aufs Spiel zu setzen, bis wir auf Grund Ihrer Denkschrift klar, ganz klar sehen. Erst dann können wir Sie zu beträchtlichen Ausgaben oder kostspieligen Verpflichtungen ermächtigen.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 25. Juni 1763.
Ich berichte E. E. ganz gehorsamst über alles, was ich mit meinem eigenartigen Manne abgeschlossen habe. Der Ordnung halber muß ich einen Teil von dem wiederholen, was ich in meinen früheren Berichten gesagt habe.
Der Mann suchte mich hier gleichsam nur auf der Durchreise auf. Trotzdem seine Lebensgeschichte und selbst seine Person in geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist, fand ich bei ihm hervorragende Begabung für alle Künste und Wissenschaften. Er ist Dichter, Musiker, Schriftsteller, Arzt, Physiker, Chemiker, Mechaniker und ein gründlicher Kenner der Malerei. Kurz, er hat eine universelle Bildung, wie ich sie noch bei keinem Menschen fand, und er spricht alle Sprachen fast gleich gut, am besten Italienisch, Französisch und Englisch. Er hat fast die ganze Welt bereist, und da er bei all seinen Kenntnissen sehr unterhaltsam war, verbrachte ich meine Mußestunden sehr angenehm mit ihm. Ich kann ihm nur häufige Prahlereien über seine Talente und seine Herkunft zum Vorwurf machen.
Bis dahin drehten sich unsere Gespräche nur um Gegenstände der Bildung und Unterhaltung. Als er aber von seinen Geheimmitteln anfing, mir davon Erzeugnisse zeigte und Hoffnung machte, sie mir mitzuteilen, wollte ich mich nicht länger auf mich allein verlassen und machte ihn mit Frau Nettine bekannt. Sie war von den Talenten des Herrn von Surmont nicht weniger begeistert als ich. Er bezeugte die größte Freundschaft für sie, ihre Familie und für mich selbst, und wir ersahen daraus, daß es nur von uns abhing, in Besitz aller seiner Geheimmittel zu kommen. Also prüften wir eifrig ihre Brauchbarkeit und ersahen aus manchen Proben und den Gutachten aller Sachverständigen, daß sein Metall vielleicht gut ist, daß seine Färbstoffe hervorragend sind, daß seine Hölzer weit besser ausfallen als die in Frankreich gefärbten, daß seine Lederarten von größter Bedeutung sind, und daß seine Hüte einen sehr erheblichen Handelsartikel bilden können.
Je weiter wir mit ihm kamen, desto mehr erkannten wir, daß seine seltenen Gaben Hand in Hand mit äußerstem Eigensinn gingen, daß er unseren Wünschen nur entgegen kam, damit wir uns den seinen anbequemten, und daß es kein anderes Mittel gäbe, seine Geheimmittel zu erlangen, als in die Anlage einer Fabrik zu willigen. Hierzu wählte ich die Stadt Tournai aus den früher genannten Gründen[359]. Doch dazu waren Ausgaben nötig. Um mich darauf einzulassen, hätte es der vorgängigen Erlaubnis bedurft, die ich aber von E. E. nicht erlangen konnte. So sprang denn Frau Nettine mit ihrem gewohnten Eifer ein und erklärte sich, wie sie selbst an den Herrn Referendar schrieb[360], gern bereit, das Unternehmen auf eigene Rechnung zu führen, falls Ihre Majestät es nicht übernehmen wolle.