In solchen Dingen, glaube ich, täuscht man sich aus der Nähe wohl leichter als aus der Entfernung. Die Gegenwart und Beredsamkeit des Mannes kann blenden. Aus der Entfernung aber sieht man nur die Tatsachen und prüft sie unbefangen. Um aber auch hier unbefangen zu sein, habe ich Sachverständige zu Rate gezogen, und ein jeder hat alle gefärbten Stoffe durchweg für wunderbar erklärt. Die geringen Herstellungskosten geben ihnen gewiß hohen Wert. Unser Tressenfabrikant und Seidenhändler Barbieri, unser Kamelottfabrikant Francolet und unser Tuchfabrikant t’Kint bitten mich kniefällig um Beschleunigung dieser Färberei, die sie für äußerst wertvoll für den Staat halten.

Die Holzfärberei ist ein Nebenprodukt, das keinerlei Ausgaben verursacht. Wollen unsere und die Pariser Kunstschreiner das Holz kaufen, so ist das ein Gewinn mehr; wo nicht, läßt man die Sache fallen.

Ist das Metall gut, wie ein von mir befragter Chemiker glaubt, so kann es einträglich sein; wo nicht, so stellt man nur soviel her, als man zur Herstellung des Wassers braucht, das sich zum Schwarzfärben des Leders vorzüglich eignet. Die Herstellung von hundert Pfund Metall genügt zum Färben von mehreren tausend Häuten. Ich nenne dies Wasser wunderbar; denn ich habe selbst die Probe gemacht und es mit frischem Wasser, im Verhältnis von 1 zu 60, gemischt. Es färbt das Leder augenblicklich durch und durch, und zwar im schönsten Schwarz. Läßt man das Leder ein paar Stunden darin, so zieht es sich derart zusammen, daß eine sehr starke Kuhhaut so dünn wird wie ein Doppelbogen Papier, ohne daß sie die Form verliert. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß dies äußerst belangreich ist. Die Hutfabrikation ist ebenfalls wichtig, und das gleiche gilt erwiesenermaßen für die Öle.

Wenn ich von all diesen Tatsachen überzeugt bin, so doch nicht vom Reichtum meines Mannes. Ich sehe ein, daß er mir sein Geheimverfahren überlassen hat, weil er in größter Not war und es selbst nicht verwerten konnte.

Der Eventualvertrag, den ich mit ihm abgeschlossen habe[366], beweist, daß die Geheimverfahren zwar durch die an ihn gezahlten Vorschüsse und die Anlagekosten teuer zu stehen kommen, in der Folge aber tatsächlich nichts kosten; denn diese Summen kommen in Anrechnung auf den dem Grafen Surmont zugesagten Gewinnanteil. Auch habe ich für Ihre Majestät nichts aufs Spiel gesetzt; denn Frau Nettine übernimmt das Ganze sehr gern auf eigene Rechnung. Wenn aber Ihre Majestät, wie ich wünsche, das Unternehmen für sich behält, so ist Frau Nettine bereit, den Vorschuß zum üblichen Zinsfuß von 4 Prozent zu geben.

Würde dies Unternehmen mit dem Lotto und der Lotterie verbunden, so wird sich hoffentlich bald zeigen, daß diese drei Unternehmungen eine beträchtliche Einnahmequelle für die Staatsfinanzen bilden.

Kaunitz an Cobenzl

Wien, 5. Juli 1763.

Auf Ihren Bericht (vom 25. Juni) mit den ärgerlichen Einzelheiten Ihrer Unternehmung in Tournai könnte ich sofort mitteilen, daß Ihre Majestät sich nicht mit einem Pfennig beteiligt[367]. Doch ich will der formellen Entschließung, die Ihnen zugehen wird, nicht vorgreifen.

Ich will auch nicht auf den Wechsel Ihrer Ansichten über die Person und die Geheimmittel dieses Schwindlers hinweisen. Es genügt mir, ihn Ihnen als solchen gekennzeichnet zu haben, trotz dem zuversichtlichen Ton, mit dem Sie von seinen Reichtümern, seinem erhabenen Wissen und von den Millionen reden, die er uns aus Freundschaft[367] für Sie und die Familie Nettine verschaffen will.