"Fräulein Behn, mein Neffe, Herr Heinicke", stellte seine Tante vor.

Die junge Dame maß den Neffen mit etwas spöttischem Blick, der jenem entging, da er bei seinem demütigen Ritterdienst die Brille vorsichtig abgenommen hatte und noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand ängstlich von sich abhielt.

Therese beendete die komische Szene, indem sie sich mit der
Kleiderbürste an die Reinigung ihres Vetters machte.

III.

Der Ostermorgen versprach einen heiteren, wenn auch etwas kühlen
Festtag. Voller Sonnenschein lag über der herben Frühlandschaft, als die
Glocken von St. Gertrud die Gläubigen und Erbauungsbedürftigen zum
Gottesdienst riefen.

Auch die Wittfoth, in Begleitung Theresens, befand sich unter den Kirchgängern. Seit sie die Kirche so bequem zur Hand hatte, daß sie sie in zehn Minuten erreichen konnte, versäumte die kleine, lebenslustige, keineswegs fromme Frau nie, wenigstens an den hohen Feiertagen die Predigt zu hören und sich an dem Gesang des Kirchenchors zu erbauen.

"Das ist man sich schuldig", sagte sie. "Ich gehöre durchaus nicht zu den Betschwestern, aber mal will der Mensch doch auch etwas Höheres haben. Und für mich hat es immer so etwas Feierliches, wenn die Knaben singen und die Orgel dazu spielt."

Therese begleitete die Tante regelmäßig in die Kirche, besuchte auch häufig allein den Gottesdienst. Ihr war die Erbauung aufrichtiges Herzensbedürfnis. Sie hatte den Glauben der hier auf Erden zu kurz Gekommenen an den Himmel und seine ausgleichenden Freuden. Wie alle Angelegenheiten des Herzens, umfaßte sie auch diese Dinge mit großer Innigkeit und fühlte sich dabei in schmerzlichem Gegensatz zur Tante, die auch hier ihre Oberflächlichkeit nicht verleugnete.

"Ach, ich glaub an gar nichts", erklärte die Wittfoth einmal. "Mir soll's auch einerlei sein. Sterben müssen wir alle, und von oben ist noch keiner lebendig wieder runter gekommen".

Eine geheime Angst hatte die kleine Frau vor dem Lebendig-begraben-werden. Wenn es irgend anginge, sollte man sie nach ihrem Tode verbrennen, nur nicht "einpurren".