Auch jetzt hatte sie sich, trotzdem sie allein war, mit ihrem Gewohnheitsseufzer "Meine Beine, meine Beine" niedergelassen. Der duftige Trank regte ihre Lebensgeister an, der Kuchen war nach ihrem Geschmack vortrefflich geraten, und ein seltsames Wohlgefühl überkam sie.

Aus einer der über ihrem Keller gelegenen Etagenwohnungen drang gedämpftes Klavierspiel zu ihr: Zwei Teile des Donauwalzers von Strauß und dann Ketterers beliebtes Salonstück "Silberfischchen".

"Schnutentante klimpert wieder", sagte die Wittfoth im Selbstgespräch. Schnutentante war eine vierzehnjährige "höhere Tochter", der sie wegen ihrer das Normalmaß überschreitenden Nase diesen Namen beigelegt hatte.

Aber das Klimpern war der einsamen Kaffeetrinkerin nicht unangenehm. Die Musik stimmte sie sentimental. Das Gefühl des Alleinseins überkam sie, die wohlthuende Empfindung des Mitleids mit sich selbst.

Das Wetter draußen war fortgesetzt unfreundlich. Der Wind warf einzelne
Regen- und Schneeschauer gegen die Fenster, die in gleicher Höhe mit dem
Trottoir lagen.

Frau Wittfoth freute sich doch, zu Hause geblieben zu sein. Der Ofen strahlte so gemütliche Wärme aus. Gott sei Dank, daß sie nicht draußen "rumzupatschen" brauchte.

Aber die Musik von oben führte ihre Gedanken den jungen Leuten nach, ins
Konzerthaus. Sie hörte so gerne Musik. Als ihr Seliger noch lebte,
besuchten sie häufig die Gartenkonzerte bei Mutzenbecher, jetzt
Hornhardt, auf St. Pauli, oder im "Zoologischen".

Das war lange her.

Jetzt, mit den Jungen, machte es ihr nur halbes Vergnügen. Sie fühlte sich überflüssig in deren Gesellschaft.

Aber war sie denn nicht auch noch jung? Waren denn fünfunddreißig Jahre ein Alter?