Lulu hatte durch diese gewaltsame Entladung ihres aufgespeicherten Unmutes ihre Gemütsruhe wieder gewonnen. Sie stand schon lange auf keinen guten Fuß mit der Anna und freute sich, sie einmal "Mores" gelehrt zu haben.
Daß die Geschlagene die Züchtigung so ruhig einsteckte, hatte sie kaum erwartet. Das gab ihr Mut. Von jetzt an wollte sie anders auftreten.
Es war ihr, als hätte sie sich mit dieser Ohrfeige zugleich an allen anderen Mädchen gerächt, auf die sie erbost war, weil sie Beuthiens Umgang und Freundschaft genossen.
Sie lachte einmal im Genuß dieser eingebildeten Rachebefriedigung auf.
Am liebsten hätte sie der Roten, mit der Beuthien vorhin getanzt, die
Ohrfeige versetzt, und der Paula gleichfalls, dem dummen Gör. Sie hätte
sie knuffen mögen, als sie so wichtig mit ihrem Erlebnis herausplatzte.
Anna hatte eigentlich die ihr zugefügte Schmach mit einer Kündigung beantworten wollen, besann sich aber mit Rücksicht auf die gute Stellung, die sie im Behnschen Hause hatte, eines andern.
Im Stillen nährte sie von jetzt an einen glühenden Haß auf Lulu, der sie so viel als möglich aus dem Wege ging.
Zwei Tage später war Lulu im Laden der Wittfoth zufällig Zeuge, wie jenes Mädchen, Beuthiens Tänzerin, erzählte, daß sie am Mittwoch mit dem jungen Fuhrmannssohn getanzt hätte.
"Das is aber'n Flotten", schwärmte sie. "De danzt', dat's 'n Staat is".
Am Sonntag wolle er wieder tanzen, erzählte sie weiter, im Ottensener Park. Leider aber hätte ihre Madam großen Kaffee, und so könne sie nicht fort.
"Und er bat mir doch so herzlich", schloß sie bedauernd.