O, was konnte er Gerd Gerdsen alles von Inge und dieser schönen Zeit erzählen. Daraus konnte der allein einen rechtschaffenen Roman zimmern. Wie lebendig stand alles vor ihm, die ganze Idylle seiner glücklichen Jugend in dem kleinen Fischerhafen. Er wollte das festhalten für Gerd Gerdsen, heute nachmittag noch. Und er wollte alles unterstreichen für den Chronisten seines Lebens, was einen Keim trug zu seiner späteren Entwickelung. Die See mit ihrem Einfluss, das fromme, aber nicht strenge Leben im Elternhaus, das ungebundene Treiben mit den Dorfkindern, die Pappel; ja die vor allem! Merkwürdig, er sah immer diese Pappel vor sich, als wäre sie der Mittelpunkt seiner ganzen Jugendzeit, der Mast, um den sich dieses ganze lustige Karussell drehte.

Und dann die Schnapsflasche des alten Jönksen. Brrr! Er erinnerte sich noch des ersten Schluckes und seiner höllischen Wirkung. Auch diese Schnapsflasche durfte er seinem Chronisten nicht unterschlagen, sie gehörte mit zu den "Quellen". Und darauf kam es ja an, alle Quellen bloss zu legen, aus denen sein Leben sich speiste, alle Bäche und Bächlein, die zusammenflossen zu dem einen rätselhaften Gewässer voller Klippen und Untiefen, das sich der Charakter des Doktors der Philosophie Henning Randers nannte.

Ja, es sollte dem Freund nicht an Daten und Dokumenten fehlen. Er wollte ihm sitzen geduldig und nackt, ohne Schleier. Und dann würde es etwas werden, wovor jeder die Augen aufreissen würde, und er selbst wollte mit einer wehmütigen Lust vor seinem Bilde stehn, und mit einer diabolischen Freude über diese Selbstprostituierung.

Dieser Gedanke machte ihn mit einmal lebendig. Er steckte das Buch zu sich und ging mit dem Ausdruck eines Menschen, der in einer wichtigen Sache einen guten Entschluss gefasst hat, leicht und schnell den Waldweg hinauf. Einen Augenblick zögerte er beim ersten Jägersteig, der in das Buschwerk abbog und dessen dunkle Öffnung ihn so einladend ansah, aber er blieb diesmal auf dem breiten Weg, dem Holz, und Wildfuhren tiefe Furchen eingegraben hatten.

Der Weg war sonnig. Das niedre Seitenholz warf seinen Schatten um diese vorgerückte Morgenstunde kaum einen Fuss breit. Da gab es Bienensaug und gelben Löwenzahn, und roten und weissen Klee, und Männertreu und wilde Stiefmütterchen. Hin und wieder an feuchten Grabenstellen Vergissmeinnicht, in grossen Mengen bei einander. Und überall am Waldrand hin Farren und Feldschachtelhalm. Und überall Bienen und Schmetterlinge.

Um einen Brombeerstrauch, der an seinem schattigen Platz etwas zurückgeblieben war und fast noch ganz in Blüte stand, gaukelte ein Schwarm Kohlweisslinge, darunter zwei himmelblaue Zwergfalter. Randers blieb stehen und sah eine Weile diesen leuchtenden, flimmernden, lautlosen Schmetterlingsspielen zu. Es unterhielt ihn, belustigte ihn, wie sich Schmetterlinge und Bienen die süssen Tropfen streitig machten. Es war ein ähnliches Behagen, wie das, womit er zusah, wenn sich zwei Jungen balgten. Wer ist der stärkere? Ha! Bravo! Der sitzt! Recht so, zeig's ihm!

So stand er und sah lächelnd in diese Flügelschlacht.

Es war ein beständiges Kommen und Fliehen und das Gezitter und Gefächel aller dieser weissen Flügel über den weissen Blüten in der hellen weissen Sonne blendete ihn zuletzt.

Es war ganz still. Man hörte nichts als das anheimelnde Summen der
Bienen. Hin und wieder das Geräusch knackender Zweige, wenn ein
Tannenzapfen zu Boden fiel, oder ein Taubengurren, und von den
entfernten Weiden her das gedämpfte Brüllen der Rinder.

5.