Sie gaben sich die Hände und schlugen jeder einen anderen Weg nach ihrer Schule ein, beide mit allen Gedanken bei dem kleinen Manuel Negros.
Der streifte indessen im Garten herum, machte von weitem die stumme Bekanntschaft des Dr. Irmler und setzte sich im Pavillon auf die Bank und dachte an Blanche. Der Abschied von seinem Vater war ihm wohl schwer gefallen, doch war er nicht das erste Mal in der Fremde. Er war schon ein halbes Jahr in Paris gewesen und wußte, daß auch dieses Jahr in Deutschland nicht allzu langsam vorübergehen würde. Dann würde sein Vater ihn wieder mit hinübernehmen in die Heimat.
Unter afrikanischer Sonne war er aufgewachsen, in der Fremden-Kolonie von Tanger, der marrokkanischen Stadt, und er sehnte sich dahin zurück, wo der Himmel heller, die Luft wärmer, die Menschen lebhafter und die Tage bunter und lauter waren.
Hier aber war Blanche!
Er hatte schon viele, viele kleine Mädchen gesehen und hatte zuhause eine kleine Spielgenossin gehabt, ein arabisches Mädchen namens Nushat, die ein paar Jahre älter war als er, und an der er leidenschaftlich hing, und von der er sich nur mit Tränen hatte trennen können. Aber sie war drüben, und wenn er wieder nachhause kommen würde, wäre sie erwachsen und vielleicht gar nicht mehr da.
Mit Blanche sollte er nun unter einem Dache leben, an einem Tische sitzen, in diesem Garten mit ihr spielen, jeden Tag. Sollte hier in diesem Pavillon mit ihr sitzen. Viele kleine Mädchen hatte er schon gesehen, aber noch keine Blanche. Sie hatte ja goldene Haare, wie das reinste Gold leuchteten sie. Und ihre Haut war wie der zarte Sammet weißer Rosenblätter. Und wie niedlich sie lachte, und wie lustig ihre Augen waren.
Ja, hier würde er schon aushalten. Der große Junge von nebenan war auch freundlich zu ihm gewesen, wenn auch etwas schweigsam. Und er hatte einen so forschenden Blick: Wer bist du eigentlich? Aber mit ihm hatte er ja nichts zu schaffen, nur mit Blanche und ihren Eltern. Und die Erwachsenen würden schon gut zu ihm sein. Wären sie es nicht, so würde er es einfach seinem Vater schreiben, und der würde nicht dulden, daß man ihn schlecht behandele. Nein, da hatte er keine Sorge. Und sie waren ja auch gleich so freundlich zu ihm gewesen, vor allem die Hausfrau. Die hatte ihm den Scheitel gestreichelt, und er hatte ihr die Hand geküßt, und sie hatte darauf gelächelt. Dann hatte sie ihn selbst nach oben in sein Zimmer geführt. Das war ein hübscher, freundlicher Raum mit einem Fenster nach dem Garten hinaus. Von hier aus konnte er über alle Beete und Bäume hinwegsehen bis an das Wäldchen, das sich in einiger Entfernung hinzog und dem Blick, der bis dahin ungehindert über Wiesen und Kornfelder flog, Halt gebot. Und von hier aus hatte er, als er seinen Koffer auspackte, Blanche durch den Garten springen, an der kleinen Pforte in der Ligusterhecke stehen bleiben und mit dem großen Nachbarjungen sprechen sehen.
Während seine Gedanken auch jetzt bei Blanche waren, spielten seine Augen mit den blanken Wellen des Bächleins, das mit leisem Glucksen flink vorüber lief. So ein laufendes Wasser hatten sie zuhause nicht. Da waren nur Brunnen und Zisternen und kleine schnell austrocknende Rinnsale. Aber wenn er an den Hafen hinunter ging, da hatte er freilich das Meer, das große blaue mittelländische Meer.
Ach, das Meer! Er sah es vor sich. Unter strahlendem Himmel dehnte es sich aus, weit, weit, bis an den silbernen Horizont, wo es sich mit dem Himmel in einer zitternden Umarmung vereinte. Und die Wellen, wenn sie sich dem Strande näherten, schmückten sich mit silbernen Kronen, jauchzten auf, donnerten laut ihre trotzigen Grüße dem Lande zu, das den Stürmenden zurücktrotzte, mit dem schimmernden Gebiß seiner gelben Küste, mit der harten Stirn des aufgetürmten Gebirges. Wolken lagen auf dem höchsten Gipfel des Atlas und bleicher Schnee. Hinter den Bergen aber dehnte sich, unendlich wie das Meer, die Wüste mit ihren gelben Sandwogen. Dorthin war er nie gekommen, aber er kannte ihre Schrecken aus den Erzählungen Nushats und der Kameeltreiber, und es gelüstete ihm nicht danach. Aber das große blaue Meer, das zwischen zwei Erdteilen auf- und abwogte, liebte er. Und er sah die Heimat vor sich liegen und hörte als ihren Gruß den Donner der Brandung vor dem Hafen von Tanger. Weiße, würfelförmige Häuser mit flachen Dächern, sich terrassenförmig übereinander lagernd, steigen die steilen Uferhöhen hinan und leuchten wie der Schaum des Meeres. Es scheint von weitem, als hätte der Sturm eine Handvoll schneeiger Flocken aus dem Gischt der Brandung hier an die Felsen geschleudert. Dazwischen schimmern grüne Gärten auf, und aus einem lockt das leise, tiefe Lachen der braunen Nushat.
Als sie an Bord des Schiffes fuhren, das seinen Vater nach Europa hinüberbringen sollte, war Nushat mit im Boot und hielt ihn mit ihren braunen Armen umschlungen; die Brandung ging unter heftigem Winde höher als sonst, und sie hatten beide ein wenig Furcht, wenn sie von dem Kamm einer großen Welle mit einmal in die Tiefe schossen, und der nächste Wasserberg alles zu verschlingen drohte. Nur vor den kühnen, unbekümmerten Gesichtern der Ruderer schämte er sich, seine Furcht zu zeigen. Die standen aufrecht, sechs Gestalten aus Bronze, feuerten sich mit lauten Rufen an und schüttelten sich höchstens einmal, wenn der überspritzende Gischt es gar zu gut meinte. Auch vor dem Vater, der sich gar nicht zu fürchten schien, schämte er sich. Nushat mußte es ihm wohl angemerkt haben, denn sie hielt ihn fest umschlungen und drückte ihn ein paarmal wie beruhigend und tröstend an sich, wobei sie indes leise zitterte. Und ihre schmalen, braunen Hände waren ganz kalt.