Frau Elisabeth tat das ihre, Lux heiter zu stimmen. »Laß den Papa nur reisen,« sagte sie fröhlich, »wir wollen uns schon ohne ihn vergnügte Tage machen. Blanche und Manuel freuen sich auch schon darauf. Das soll aber hübsch werden.«

Lux beruhigte sich denn auch bald.

Frau Elisabeth freute sich, eine Gelegenheit zu haben, dem einstigen Retter ihres Kindes einmal ihre Dankbarkeit durch eine wirkliche Gegenleistung zu zeigen. Und noch ein anderes bewegte sie: ihren mütterlichen Augen war nicht entgangen, daß Blanche sich in der letzten Zeit mehr dem neuen Hausgenossen zuwandte und ihren alten Spielkameraden vernachlässigte. Doch hatte sie kaum Veranlassung gehabt, sich hinein zu mengen. Auch war sie klug genug, zu wissen, daß das unter Umständen mehr schaden als nützen konnte. Sie selbst hatte in ihrer Jugend durch zudringliche Störung kindlicher Neigung ihren ersten seelischen Schmerz erlitten. Ein freundschaftliches Gefühl von unbewußter Innigkeit war ihr als etwas Besonderes und eigentlich Unziemliches hingestellt und durch unüberlegte, alberne Neckereien aus einem harmlosen, stillen Glücksgefühl zu etwas Quälendem und Beschämendem gemacht worden.

Dessen hatte sie sich erinnert, und hatte die Freundschaft zwischen Lux und Blanche weder gefördert noch gehindert, sondern hatte sie gewähren lassen.

Ein etwas wachsameres Auge hatte sie auf Manuel gehabt, dessen frühreife Manieren und südländische Lebendigkeit Blanche sehr zu imponieren schienen. Doch hatte sie hinlänglich Beweise von dem graden und ritterlichen Charakter des kleinen neuen Hausgenossen, um einen nachteiligen Einfluß auf ihr Töchterchen zu befürchten. Dennoch war es ihr lieb, den Beiden jetzt Lux auf längere Zeit zu engerem Verkehr zugesellen zu können. Lux, obgleich nur um ein Jahr jünger, war doch um mindestens drei Jahre kindlicher als der kleine Afrikaner. Der war in einem reichen Hause aufgewachsen, wo unterwürfige farbige Diener den Herrensohn früh verwöhnten. Nachher, in Paris, fern von der Heimat und den Eltern, war Manuel erst recht selbständig geworden und hatte sich manche Manieren der Erwachsenen angeeignet. Seine Höflichkeit des Handküssens hatte Frau Elisabeth zuerst bei einem so jungen Knaben befremdet, doch lag so viel Natürlichkeit und Ritterlichkeit darin, daß sie nicht für berechtigt hielt, ihm diesen Handkuß zu verbieten. Nur als sie gewahrte, daß er anfing, auch Blanche in dieser Weise zu begrüßen, erhob sie Einspruch; solches wäre hierzulande unter Kindern nicht Sitte, die schüttelten sich herzhaft die Hände, und das wäre auch ein hübscher Gruß. Manuel nahm diese Belehrung mit bescheidenem Lächeln auf, und sie sah ihn nie wieder ihrem Töchterchen die Hand küssen. Daß er es trotzdem oft tat, wenn die Kinder unter sich waren, wußte sie nicht. Und Lux, der es einmal als ungewollter Zeuge gesehen hatte, hütete sich, diese schlimmste Ursache seiner kindlichen Betrübnis zu verraten. Er hätte sich geschämt, davon zu sprechen. Aber seinem Herzen tat es weh.

Wohl hundert Mal nahm er sich vor, es dem anderen nachzutun, aber nie brachte er es über sich; unschlüssig überlegte er: küßt du ihr nun die Hand, oder begnügst dich mit einem Händedruck? Und vor lauter Überlegung fiel denn auch wohl noch dieser Händedruck nur schwach und gleichsam versuchsweise aus; zum Befremden der wenig nachdenklichen Blanche.

»Was hat er nur? Hab ich ihm etwas getan? Komischer Junge.«

Damit war es für sie abgetan. Sie merkte gar nicht, daß Lux ihr gleichgültiger wurde. Manuel machte ihr mehr Spaß.

»Der Lux ist jetzt immer so langweilig,« sagte sie.

Trotzdem freute sie sich aufrichtig, daß Lux auf ein paar Wochen zu ihnen ins Haus kommen sollte.