Zu dritt war es am Ende noch lustiger. Was wollten sie alles aufstellen! Obendrein standen die Ferien vor der Tür, und das war immer eine schöne Zeit. Die Mutter hatte schon, wie alljährlich in dieser Sommerzeit, Ausflüge mit ihnen geplant. Da sollten die beiden Jungen aber Augen machen!

Lux war wohl schon einmal mit gewesen, wenn auch nicht so gar weit. Aber Manuel kannte noch nichts von der Gegend. Wenn sie dann zusammen im Eisenbahnwagen sitzen würden, natürlich am Fenster, und alles flöge so lustig schnell an ihnen vorüber, und sie würde es ihm zeigen: das ist Neudorf und das ist Birkendorf und das ist Bentheim, und in dem Walde dahinten sind wir mal mit Papa gewesen; und wenn sie dann durch die Heide liefen, oder noch schöner am Seestrande, barfuß, und die Wellen so kühl und erquickend heranrollten und bis an die Knöchel herauf schäumten, wie schön würde das sein. Und das Schanzen aufwerfen und Burgen aufbauen! Und das Bootfahren!

Ob Manuel wohl Angst vor dem Wasser hätte? Sie hatte es. Nur ein ganz klein wenig.

Aber Manuel war ja doch über das Meer gekommen. Und die große Stadt in Afrika, wo er zuhause war, lag ja unmittelbar am Meer. Am Ende würde sie ihm gar nichts Neues zeigen können.

Das betrübte sie etwas. Was war sie doch für ein Dummchen gegen ihn. Aber dafür war er ja auch ein Knabe und war fast zwei Jahre älter als sie. In zwei Jahren würde sie auch noch viel lernen und sehen und erleben. Doch die Einsicht in ihre Unwissenheit hielt nie lange vor. Später! später! Das würde alles schon kommen, wie es kommen sollte.

Manuel lebte wie Blanche in den Tag hinein, und genoß mit Behagen die Freiheit, deren Ende freilich mit dem Schulanfang immer näher rückte. Doch waren es Wochen, die ihm noch gegönnt waren. Inzwischen las er leichte, deutsche Bücher, die Frau Elisabeth ihm gab, und schrieb jede Woche seinem Vater einen deutschen Brief, dessen Inhalt sich immer ziemlich gleich blieb; ungelenke, mit dem Ausdruck und mehr noch mit der Orthographie ringende Briefe. Schnelle Fortschritte machte er im Sprechen; und zwar verdankte er diese raschen Erfolge weniger Frau Elisabeth und den anderen Hausgenossen, als seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul nie lange still stand.

Er hatte in einem Brief an den Vater begeisterte Schilderungen von Blanche gemacht, die der vielbeschäftigte und viel reisende Kaufherr und Lebemann mit einem flüchtigen Lächeln gelesen haben mochte; ihm aber waren sie Ausdruck seines Heiligsten: Blanche war für sein ungestümes Knabenherz alles, ersetzte ihm Heimat und Elternhaus.

Er hielt ein abgelegtes blaues Haarband und ein altes Schreibheft von ihr als köstliche Besitztümer verwahrt. Das kleine Heiligenbild über seinem Bett hörte oft ihren Namen, wenn er sie in sein Gebet einschloß, oder in Gedanken an sie verloren, halblaut diesen schönen Namen stammelte, in dessen romanischem Klang ihn Verwandtes grüßte, und in dem so viel Reinheit, Jugend und Süße lag.

Blanche!

Er kannte eine halbe Strophe eines französischen Liedes, in der dieser Name vorkam, und er wurde nicht müde, sie vor sich hin zu trillern.