»Blanche, petite Blanche!«
Auf dem Schulweg trug er ihr die Mappe bis zum kleinen Bahnhof, von wo aus sie der Zug in einer Viertelstunde in die Stadt führte. Sonst hatte Lux ihr die Mappe getragen, konnte es aber nicht ändern, daß Manuel ihm nun immer zuvorkam. Dieser ging übrigens nicht mit auf den Perron, sondern verabschiedete sich schon vorher; denn sie trafen auf dem Bahnhof noch einige andere Knaben und Mädchen, die in die Schule fuhren, und deren Anstarren ihm unangenehm war. War man denn als Ausländer ein wildes Tier für diese dummen deutschen Kinder? Eine häßliche Unsitte, dieses Anglotzen eines Fremden. Daß er dunkler war als sie, sahen sie doch mit einem halben Blick. Und was war denn sonst an ihm, was ihre Aufmerksamkeit immer aufs neue wieder erregen konnte? Er wußte ja nicht, daß Blanche es war, die mit ihren Erzählungen diese Unart nährte.
Keinem, keinem hätte er ein Wort über Blanche gesagt; ganz allein ihm gehörte sie und den Heiligen, deren Schutz er sie mit kindlicher Frömmigkeit empfahl. Was ging es andere an, was er über Blanche dachte, was er für sie empfand; nur ihr selbst es mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten und Artigkeiten zu zeigen, war er beflissen. Ihre Mutter hatte ihm den Handkuß untersagt; aber was ihm alte Gewohnheit war, konnte er nicht sobald lassen und tat es jetzt heimlich und mit dem Bewußtsein einer verbotenen Huldigung. Dieses war das einzige, was er sich vorzuwerfen hatte. Er hätte sonst nie eine Lüge über seine Lippen gebracht; in diesem Falle aber entschuldigte er sich vor seinem Herzen.
Blanche! Blanche! jubelte dieses heiße Knabenherz, wenn sie ihm entgegenkam, schlank, schwebend, ganz Licht in dem Strahlenkranz ihrer goldenen Haare, und ihm schon von weitem ihre feine schlanke Hand mit den etwas langen Fingern entgegenstreckte.
Blanche!
Und dann sollte er diese Hand wieder fahren lassen, ohne sie zu küssen? Mochte es nicht Sitte sein in diesem kühlen Lande, und mochte der blasse Lux nie die Hand der kleinen Blanche küssen, ihm sollte man es nicht wehren. Und bei der Vorstellung, daß auch Lux diese Hand küssen könne, zog sich eine feine Falte zwischen den schwarzen Augenbrauen zusammen.
Manuel war denn auch der einzige, der sich nicht auf Lux freute. Mochte er doch zum Spielen herüberkommen. Aber daß er nun auch das Zimmer mit ihm teilen sollte, gefiel ihm nicht. Frau Elisabeth hatte es ihm schon angekündigt. Freilich nur in Form einer Frage, ob er wohl auf vierzehn Tage Lux bei sich aufnehmen wolle. Gewiß wollte er, er durfte doch nicht nein sagen, aber erfreut war er nicht. Nicht, daß er den Nachbarssohn fürchtete; aber Lux würde die wenigen Stunden, die Manuel bisher mit Blanche allein sein durfte, stören. Und das war Grund genug, ihn zu hassen.
Doch der Tag rückte heran, an dem Lux übersiedeln sollte. Dr. Irmler hatte seinen Koffer gepackt und kam nun am Abend vor seiner Abreise mit Lux herüber, um sich zu verabschieden und seinen Knaben in die Hände der verehrten Pflegerin abzuliefern. Man saß nach dem Tee in der offenen Veranda in angeregtem Gespräch über Italien, das beiden Gatten nicht fremd war, und die Kinder durften dabei sein und sich still verhalten. Manuel und Blanche wären lieber noch in den Garten gegangen, aber Lux wollte sich begreiflicherweise in der letzten Stunde nicht vom Vater trennen und stand an dessen Seite, von seinem Arm umschlungen.
Manuel dachte an seinen Vater. So zärtlich hatte der ihn nie umfaßt. Selten, daß er einen Kuß von ihm bekommen hatte. Auch als er sich zuletzt auf dem Bahnhof von ihm verabschiedete, hatte er ihm nur die Hand gegeben und sie fast geschäftsmäßig geschüttelt.
Ein tiefes Heimweh nach Liebe und Mutterarmen packte ihn. Wie lange hatte er sie entbehren müssen. Seine Mutter, von der er fast nie sprach, war eine träge, indolente Südländerin, und der Vater ging ganz in seinen Geschäften auf. Ein einziges Briefchen erst hatte er von der Mutter bekommen, der das Schreiben eine körperliche und mehr noch geistige Anstrengung war. Wohl liebte er sie und er hätte sie nicht leiden sehen können, aber die Trägheit ihres Gefühlslebens hatte auch die Äußerungen seiner Neigung mehr und mehr erschlaffen lassen. Nur Nushat war es, an die Manuel mit Zärtlichkeit dachte. Sie allein hatte wohl einmal ihren Arm um seinen Hals gelegt und hatte ihm sanfte Worte gesagt. Die braune Tochter Arabiens stand plötzlich vor seinen Augen und verdunkelte sogar die lichte Blanche, so daß er sich gänzlich fremd und verlassen in diesem Kreise vorkam, und mit einem feindlichen Gefühl als stiller und übelwollender Beobachter in seiner Ecke sitzen blieb.