Dr. Irmler war ein wohlhabender Privatdozent, der alle seine Zeit, die ihm seine Studien ließen, der Erziehung seines einzigen Sohnes widmete. Seine Frau war früh gestorben, und das Kind, ein schöner blonder Knabe, den die Eltern im Übermaß ihres Glückes Lux getauft hatten, war nun das einzige Licht in seinem verdüsterten Leben. Er hatte seine Frau sehr lieb gehabt, hatte lange um die Schöne und Herzensfeine geworben und sah sich nun, kaum im Besitz des erstrebten Glückes, desselben wieder grausam beraubt. Er war ganz zerschmettert, und nur der Gedanke an seinen Sohn hielt ihn noch am Leben. Er zog sich mit ihm und einer alten Haushälterin aus dem lauten Getriebe der großen Stadt in ländliche Stille und Einsamkeit zurück.

In seinem Gartenhäuschen, von dessen Terrasse aus er den Anblick strohbedeckter Bauernhäuser, mit bunten Rindern bevölkerten Weidelandes und die Schönheit alter Buchen- und Eichenstände genoß, umgab ihn ein Friede, der seinem kranken Gemüt wohltat, und eine Ruhe, die ihm bald zum Bedürfnis wurde. Mit der stillen Freude und dem ernsthaften Interesse des Gelehrten widmete er sich seinem Garten, der eine Fülle auserlesener Blumen und Sträucher aufwies, und dem das fließende Grenzbächlein und die baumreiche Umgebung auch einen landschaftlichen Reiz verliehen.

Hier liebte er es an schönen Tagen, sich in den Schatten selbstgepflanzter Obstbäume mit einem Buch zurückzuziehen und sich dabei eines schlichten, niedrigen Strandstuhles zu bedienen, in dem einst, im letzten Sommer ihrer kurzen Ehe, die geliebte Frau am Strande der Ostsee täglich geruht hatte. Wie glücklich wäre sie gewesen, inmitten dieser Gartenfreude mit ihrer zarten Blumenseele walten und wirken zu dürfen. Warum hatte er nicht schon früher das Opfer gebracht und war mit ihr der großen Stadt entflohen? Damals meinte er, die Nähe der Bibliothek und anderer Bildungsmittel nicht entbehren zu können; und jetzt ging es doch, und er fühlte sich sogar wohler und zufriedener dabei. Und nötigenfalls konnte er in einer kleinen Stunde in der Stadt sein, der er immer so bald als möglich wieder entfloh.

Ein Trost war ihm, daß nun wenigstens Lux die Wohltat dieses ländlichen Aufenthaltes genoß, und daß der zarte, ganz der Mutter ähnliche Knabe in der gesunden Luft gut gedieh und sich zusehends kräftigte. Daß er ihn, ohne es zu wollen, ein wenig verzärtelte, kam ihm nicht zum Bewußtsein; war es doch natürlich, daß er alle seine Liebe jetzt dem Sohne zuwandte.

Wohl dachte er manchmal, ob nicht die alte Haushälterin, eine verständige, herzenstüchtige Person, vielleicht etwas zu nachgiebig gegen den Gutherzigen und Einschmeichlerischen wäre. Auch ginge Lux, der ohne gleichaltrige Nachbarskinder einsam zwischen ihm, dem stillen, viel arbeitenden Gelehrten und einer alten Frau aufwuchs, der Vorteile einer härteren Knabenzucht verlustig. Aber er sah keinen Weg, es zu ändern; denn nie hätte er sich entschlossen, den Knaben von sich zu geben, und ihn in ein Erziehungsinstitut zu tun.

Da war es für ihn von besonderem Interesse, als es hieß, das Nachbargrundstück sei verkauft worden, und es wolle sich ein reicher Kaufmann dort eine Villa bauen. Das konnte einen Verlust für ihn bedeuten, aber auch einen Gewinn. Der Friede seiner ländlichen Beschaulichkeit brauchte nicht notwendig dadurch gestört zu werden, wohl aber die Stille und Einsamkeit; vielleicht nahte eine laute Kinderschar mit den neuen Nachbarn. Für Lux könnte das freilich Nutzen bringen. Und er wünschte sich zuletzt, der Kaufmann möchte nicht ohne Kinder sein, und zwar möchten es Knaben sein, die im Alter zu seinem Sohne paßten.

Da war er denn zuerst wirklich enttäuscht, als er hörte, jenes Ehepaar besäße nur ein einziges Töchterlein von drei Jahren, tröstete sich aber dann bei dem Gedanken, daß er von einem so kleinen Wesen viel Störung seines Haus- und Gartenfriedens nicht zu gewärtigen haben würde.

Das Vermessen und Graben und Bauen auf dem Nachbargrundstück begann. Dr. Irmler machte von weitem die Bekanntschaft des Bauherrn, eines noch jüngeren Mannes von sympathischem Aussehen, der fleißig kam, um nach dem Rechten zu sehen, und sah auch einmal an seinem Arm die junge Frau. Die Leute gefielen ihm wohl, soweit die äußere Erscheinung nicht täuschte, und da er sah, daß mit Geschmack und ohne Kärglichkeit gebaut wurde, und daß ein tüchtiger Fachmann die gärtnerischen Anlagen leitete, söhnte er sich mit dem Gedanken, so nahe Nachbarschaft zu bekommen, aus und versprach sich sogar mancherlei Gutes davon, denn er gehörte zu den Leuten, die das Böse und Widerwärtige weniger in ihre Rechnung stellen, weil sie mit ihren Gedanken immer nur im Guten und Reinen leben.

Der Bau, der bei günstiger Jahreszeit rüstig gefördert worden war, stand im September zum Beziehen fertig da. Es dauerte nicht lange, da rückten auch schon die Besitzer ein, um noch ein paar Wochen des schönen Spätsommers in dem neuen Gartenheim genießen zu können.

Dr. Irmler empfing ihren Besuch an einem freundlichen Sonntag.