Es ging immer bergan, Stunde auf Stunde. Soweit wir zu beiden Seiten und nach vorne sahen, war nichts da als weißgelbe Sanddünen, die zuweilen machtvoll emporstiegen. Wir standen und hockten und saßen dicht gedrückt in den kleinen offenen Wagen. Von der drückenden Hitze immer durstig, waren wir eifrig und sorglos bei unsern Wassersäcken. Wir waren noch so sorglos, daß wir den Kaffee, den wir uns in Swakopmund auf dem Bahnhof gebraut hatten, weggossen, als wir schmeckten, daß er sauer wurde. Ein- oder zweimal wurde gehalten, damit wir die lahm gestandenen oder gesessenen Beine ein wenig vertraten. Am Spätnachmittag wurde an einer Stelle die Steigung so stark, daß der Zug in drei Teile geteilt wurde, damit er so stückweise auf die mächtige Höhe käme. Da wir alle Mann nachschoben, kam er glücklich hinauf. Dann ging es wieder etwas rascher weiter, immer durch gelbe Sanddünen, immer weiter bergan. Abends erreichten wir die Höhe. Hinter uns lief der abfallende gelbe Sandweg bis zum Meer, das fünfzig Kilometer zurück, unten in der Ferne lag. Dicht vor uns stand ein ungeheures, schrecklich wildes Gebirge.

Ich hatte niemals ein Gebirge gesehen. Aber nicht allein ich und die andern Norddeutschen, sondern auch die Bayern staunten. Ganz nah vor uns, und fern und ferner ragten ungeheure nackte Felsen zum blauen Himmel empor. Einige waren von der Abendsonne beschienen und leuchteten hell und hart; andere, der Sonne abgewandt, drohten finster und fürchterlich, oft dicht über uns. Hier und da hatten alte ungeheure Mächte gewaltet, Stücke vom Felsen abgeschlagen und in die Tiefe gestürzt, andere Stücke, schon angerillt, hingen in ungeheurer Höhe, als ob sie jeden Augenblick abstürzen wollten. Kleine Mächte konnten auch hier nicht existieren. Wir sahen keinen Strauch, nicht einmal einen Grashalm, und kein Tier. Nur wir Menschen rollten auf unsern knarrenden Wägelein, drollig anzusehn, durch das ungeheure tote Wunderwerk.

Wir hielten an einer kleinen Station, einem kahlen Wellblechhaus, und kochten uns Kaffee und Reis. Als wir wieder aufstiegen, wurde uns befohlen, den Mündungsdeckel von unsern Gewehren abzunehmen und zu laden. Ich tat es mit einem wunderlich unbehaglichen Gefühl. Dann ging es mit lautem Getöse, das häßlich und hart widerhallte, in die helle graue Nacht hinein. Es ging immer in einem tiefen, schmalen Tal entlang; zu beiden Seiten stiegen hohe Felsen empor. Viele von uns kauerten schlaftrunken, andere standen, andere saßen auf dem Wagenrand; jeder hatte seine weiße Wolldecke um sich gelegt. Wir sagten nicht viel. Viele waren wohl mit ihren Gedanken zu Hause, oder sahen sich heimkommen und von allen geschauten Wundern fröhlich erzählen. Viele dachten wohl, wie der Feind von jedem Felsen herab auf unser Knäuel von Menschen schießen könnte, während wir, fast wehrlos, langsam vorüberfuhren. So brüteten wir müde und hungrig und an den Gliedern zerschlagen. Am weiten, klaren Himmel standen auf hellem blauen Grunde unzählige goldblinkende Sterne. Das war wohl ein schönes, erhabenes Bild. Doch war es nicht so schön, weder so mächtig, noch so ruhevoll, wie in der Heimat. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch. Die Nacht war unfreundlich kalt.

Wir fuhren auch noch den größten Teil des andern Tages, der wieder sehr heiß und sonnig war, in den Tälern des schrecklichen, kahlen Gebirges. Da wir meinten, daß wir unsere Wassersäcke an einer der nächsten Stationen wieder füllen könnten, tranken wir, bis sie leer waren. Als wir aber dann am Mittag wirklich an einer Station hielten und die Maschine Wasser bekam und wir uns auch nehmen durften, konnten wir es nicht trinken, weil es widerlich salzig war. Zu der Zeit war uns auch das Brot ausgegangen. Wir kochten von unserm Reis eine Handvoll halb gar und aßen es. Die Geschirre wischten wir ein wenig mit Sand aus. Dann ging es weiter. Mancher griff zu den eisernen Portionen, die er im Tornister hatte, obgleich verboten war, davon zu nehmen. Aber viel schlimmer als der Hunger war der Durst. Wir hatten keine Feuchtigkeit im Munde, die Lippen ein wenig naß zu machen. Dürr und heiß ging der Atemzug durch die Mundhöhle. Brandige Trocknis stieg wie mit Sporen und Stacheln immer tiefer in den Hals hinab.

Am Nachmittag kamen wir endlich aus dem Gebirge heraus und kamen auf eine weite Ebene.

Wir machten sehr lange Hälse, als wir herauskamen. Wir meinten, nun endlich, nun wir zuerst die aufsteigenden Dünen, dann das wilde Gebirge hinter uns hatten, müßten die wunderschönen Palmenhaine kommen. Aber was wir sahen, war eine weite, weite Hochebene von rötlichgelber Erde, dürftig bestanden mit grobem, gelblichem, trockenem Grase, das kniehoch wie dünner Roggen wehte. In dem Grase standen verstreut, bald lichter, bald dichter, feste, dornige Büsche, anfangs nur mannshoch, dann drei und vier Meter hoch. Sie standen zuletzt so dicht, daß sie mit den Kronen aneinander stießen. In der Ferne sah man aus dieser weiten, weiten Ebene, hier und da, plötzlich einzelne hohe Bergkegel steil aufsteigen. Einmal, zweimal sahen wir vor uns, in weiter, weiter Ferne, ein wenig über der Ebene, in der heißen, zitternden Luft flimmernd, das, was wir zu sehen begehrten: hohe, fruchtbare Bäume und blaue Flächen wie Wasserteiche. Aber sie verschwanden wieder und waren Nebelbilder.

Obgleich wir mit dem, was wir sahen, lange nicht zufrieden waren, wurde unsere Stimmung doch etwas besser. Es gab immer etwas zu sehn. Ein fremdes rehartiges Tier jagte in Rudeln durch das lange, wogende, gelbliche Gras; ein unbekannter bunter Vogel, papageienartig, flog auf. Die runden, spitzen Bergkegel standen scharf in der Sonne; genau sah man an ihrem Abhang und zu ihren Füßen klippige Felsenhaufen, welche von ihren Höhen hinabgestürzt waren. Je weiter wir kamen, wurden Gras und Buschwerk ein wenig saftiger, und das Bild ein wenig freundlicher. Alles, was wir sahen, das Nahe und Ferne, stand scharf in der wunderbar klaren Luft.

Wir waren ein wenig muntrer geworden, trotz unseres Durstes; da kamen wir zu der ersten Haltestelle, welche die Schwarzen zerstört hatten. Sie hatten das bescheidene Haus ausgebrannt, das Wellblechdach heruntergerissen, den kleinen Hausrat zerschlagen, den Rest mitgenommen. In dem schmalen, dürftigen Garten, dem man noch ansah, mit welcher Mühe deutsche Hände ihn in dem dünnen Erdreich gepflegt hatten, lag ein Haufe weißer Steine. Darunter lag, einen Meter tief in dem dürren Land verscharrt, der Streckenwärter mit seiner Frau, von den Schwarzen überfallen und erschlagen. Die fünf oder sechs Matrosen vom Habicht, welche die Haltestelle zurzeit besetzt hielten, hatten aus Kistenholz ein Kreuz zusammengenagelt und mit stumpfer Bleifeder die Namen der Erschlagenen drauf geschrieben und darunter: Fielen von Mörderhand. Die Fensteröffnungen hatten sie mit blechernen Zementfässern und mit Säcken voll Sand verschanzt.

Die Matrosen waren sehr ernst und still. Ihre Uniform war schmutzig und ganz zerschlissen. Einer trat an den Wagen heran, in welchem ich saß, und sagte: »Ihr werdet noch viel Arbeit bekommen. Wir sind seit drei Wochen nicht aus den Kleidern gekommen.« Ich sagte: »Wir wissen wenig. Wie steht es?« »Wie es steht?« sagte er. »Wir haben schwere Verluste gehabt.« »Tote?« sagte einer von uns. »Tote?« sagte der Matrose verwundert. »Wir haben in den letzten Wochen wieder über vierzig Tote. Sie schießen gut und mit guten Gewehren, nämlich mit denen, die wir ihnen verkauft haben, oder die sie unseren Magazinen oder unseren Toten abgenommen haben.« »So! so!« sagten wir. »Ich will Euch wünschen,« sagte er, »daß Ihr alle wieder zu Muttern kommt.«

Die Tagfahrt war wieder lang und durstig; und die Glieder waren ganz zerschlagen. Gegen Abend kamen wir an einen größeren Bahnhof und schliefen in einer Baracke aus Wellblech an der Erde, in unsere Decken gewickelt, den Tornister unter dem Kopf. Als ich am frühen Morgen, bevor der Tag graute, erwachte und mein Nebenmann, ein kleiner, stiller Thüringer, es merkte, sagte er leise zu mir: »Ich weiß nicht, was das werden soll, wenn ich nicht wieder nach Hause komme. Ich bin der Älteste und habe fünf Geschwister, und mein Vater ist kränklich; wenn der Alte stirbt, muß ich zu Hause sein und für alle sorgen.« Ich sagte: »Du wirst wohl wieder heim kommen.« »Das muß ich,« sagte er. Dann lag er still. Als ich den Kopf ein wenig zur Seite wandte, sah er mit scharfen Augen nach oben. Ich glaube, daß er das Wellblechhaus, gegen das er blickte, gar nicht sah, sondern er sah Stube und Stall seines Elternhauses.