Als ich an diesem Morgen von ungefähr um das Bahnhofsgebäude herumging, sah ich die ersten Feinde, einen Gefangenen und sein Weib. Er war ein langer Mann von starkem und stolzem Körper, halbnackt, mit einem gedankenlosen, gleichgültigen Ausdruck in dem ruhigen und finsteren Gesicht. Das Weib war ältlich und sehr häßlich.

Am andern Mittag ging die Fahrt weiter, immer weiter durch das ebene Land, das nur etwas fruchtbarer war und etwas dichter mit dem gelben, langen Gras und den Büschen, und nun auch einzelnen Bäumen, besetzt war; aber es war doch alles graugrün und dürr. Die Haltestellen, an denen wir vorüberkamen, waren fast alle zerstört, neben mancher lag ein Haufe weißer Steine, welcher ein Grab bedeutete. Mitten in der nächsten Nacht kamen wir an ein großes Bahnhofsgebäude, dessen Fenster bis zu Schießscharten vermauert waren. In drei, vier Wellblechschuppen war viel Proviant aufgehäuft. Im viereckigen Hof einer Feste, die da war, bekamen wir endlich eine ordentliche Mahlzeit, nämlich Erbsensuppe mit Fleisch und Reis.

Am andern, dem vierten und letzten Tag der Fahrt, wurde das Land noch fruchtbarer und freundlicher. In der Nähe und Ferne standen zuweilen, in hohem Gras oder Buschwerk, in Gruppen starke Bäume, die wie Eichen aussahen. Dazwischen lief ein breiter Streifen gelben Sandes, das ausgetrocknete Bett eines Flusses. Da waren im Dezember vorigen Jahres, drei Tage lang, Wellen entlang getanzt; man sah noch im Sande ihre Sprünge; aber nun war und blieb es auf ein Jahr, vielleicht auf drei, ganz und gar trocken. So waren alle Flüsse im Lande, die wir getroffen haben: Sandstreifen waren sie, einen oder einen halben Meter niedriger als die Ebene.

Mir gefiel diese Landschaft, durch die wir an diesem vierten Tag fuhren, ziemlich gut. Eine kleine und größere Art von Antilopen, Rehen ähnlich, liefen zuweilen allein oder in Rudeln, behende über die Blößen im Busch. Fremdartige Vögel, etwas größer als Rebhühner, grau und weiß gesprenkelt, flogen über die Büsche hin und ließen sich nieder. Baumgruppen standen stattlich und schön in dem weichen Grün; von fern schauten grüne Bergabhänge nicht unfreundlich herüber. Aber meine Kameraden mochten das Land nicht leiden; ich glaube, es war ihnen nicht fremdartig, nicht wunderbar genug. Sie wollten, daß Afrika ganz, ganz anders aussähe als die Heimat.

Am Nachmittag kamen wir in der Hauptstadt an. Sie ist eine kleine Stadt, sehr weitläufig und ganz unregelmäßig gebaut. Hier und da zerstreut stehn ihre plattdachigen, weißen Häuser auf sandiger, grauer Erde; dazwischen stehn vereinzelt dürftige Bäume. Wir keuchten in voller Bepackung durch Sand und Sonne zu der Feste hinauf, die auf einem mäßigen Hügel lag. Im Hof der Feste, der voll von buntem Leben war, traten wir auseinander.

Was war das für ein Leben, das nun anging! Wir hatten vier Tage lang die Kleider nicht ausgehabt und uns nicht gewaschen. Wir hatten auch drei Tage lang keinen tüchtigen Schluck Wasser getan. Nun waren da Hähne an der Mauer des Hofes, aus denen warmes, fast heißes Wasser lief, das aus dem Berg kam. Wie rasch warfen wir unsere Kleider ab! Und wie fröhlich wuschen und spülten wir uns! Und wie rasch vergaßen wir Durst und Schmutz! Und wie neugierig sahen wir uns um!

Es gingen da Schutztruppler in ihrer Korduniform, braunsamtener Rock und Pluderhose und Reiterstiefel. Dazu grauer Schlapphut. Sie waren meist schon jahrelang in diesem Lande. Krank oder verwundet, oder bestimmt, uns als Landeskundige an den Feind zu begleiten, gingen sie mit Muße oder geschäftig hin und her. Diese redeten wir an, während wir uns wuschen, und fragten sie, wie es mit der Sache stände. Sie waren etwas steif, wie alte Feldsoldaten immer sind, besonders, wenn man dumm drauf los fragt, wie einige von uns taten. Als ich aber einen von ihnen, einen Sergeanten, mit Respekt und Verstand anredete, erzählte er von der Grausamkeit der Feinde gegen die Farmer, von den schweren Verlusten in den letzten Gefechten, von der Stellung der Feinde. Da traten viele von uns hinzu. Der Sergeant hieß Hansen und war ein Hamburger.

Es waren aber auf dem Hofe der Feste auch Weiber von den Feinden, von denen einige jung und nicht unschön waren, die meisten aber welk und häßlich. Sie holten sich Wäsche von den Soldaten und lungerten herum, schmutzig, eine kleine Pfeife im Munde. Es gefiel mir nicht, daß einige von uns sofort an sie herantraten und durch Gebärde und einige englische oder plattdeutsch-holländische Worte mit ihnen scherzten.